Volkshochschule Ottakring
48° 12' 24.21" N, 16° 20' 1.77" E zur Karte im Wien Kulturgut
Volkshochschule Ottakring (16., Ludo-Hartmann-Platz 7, Neumayrgasse 14), gegründet 1901 (Verein „Volkshochschule Wien Volksheim", einer der ersten einschlägigen Vereine Europas; Vereinslokal damals Urban-Loritz-Platz).
Auf Initiative von Ludo Moritz Hartmann (Gedenktafel) wurde die Volkshochschule Ottakring 1904/1905 nach Plänen von Franz Ritter von Neumann aus Mitteln von Förderern (so zahlte beispielsweise Rothschild die Errichtung des Großen Saals [der 1960 umgebaut wurde]) in Formen des Jugendstils errichtet (Eröffnung 5. November 1905).
Viele Mitglieder des Wiener Kreises lehrten an der Volkshochschule Ottakring und auch an weiteren Volkshochschulen. Ziel war es, ähnlich wie beim Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Durch die Vorträge von renommierten Wissenschaftlern wie Otto Neurath, Hans Hahn, Rudolf Carnap und Moritz Schlick konnten Menschen, die ansonsten keinen Zugang zur akademischen Bildung hatten, in Berührung mit der Wissenschaft kommen. Wiener Kreis Mitglieder wie Edgar Zilsel, Friedrich Waismann oder Herbert Feigl gehörten zu den Lehrkräften und hielten regelmäßig Vorträge.
Die Vorträge wurden in der Zeitschrift der Volkshochschule, Urania, angekündigt. In einem frühen Vortrag von 1908 sprach beispielsweise Otto Neurath über sein Dissertationsthema. Die Volkshochschule Ottakring, auch „Volksheim“ genannt, stand, mit ihren Zweigstellen, also für das bewusste Engagement in der wissenschaftlichen Bildungsarbeit. Die Schulreformbewegung wurde durch Otto Neuraths Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, seine Bildstatistik und Broschüren zur Erwachsenenbildung (Fernunterricht, 1931-1933) unterstützt. Auch Hans Hahn war als Mitglied des Wiener Stadtschulrates besonders aktiv an der Demokratisierung des Schulwesens, ebenso Karl Popper und Karl und Charlotte Bühler.
Die beachtliche Volkshochschulaktivität war Teil der Aufklärungsarbeit des Wiener Kreises, der auch stark an der Schulreformbewegung beteiligt war. Wissenschaftliche Weltauffassung spielte eine prominente Rolle. Ziel war eine Humanisierung und Demokratisierung der Gesellschaft. So berief sich auch die Programmschrift des Wiener Kreises auf die Wiener Volksbildung.
Für viele Wiener Kreis Mitglieder und jüngere Wissenschaftler*innen war die Arbeit an den Volkshochschulen außerdem eine Möglichkeit zur Existenzsicherung – aufgrund des immer stärker werdenden Antisemitismus und politischer Voreingenommenheit waren die Berufschancen gering. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten und dem politischen Umbruch wurde aber auch die Lehrtätigkeit der Wiener Kreis Mitglieder an den Volkshochschule stark eingedämmt.
Von 1925 bis 1934 gab es 24 Fachgruppen, fünf wissenschaftliche Institute, 220 Dozenten und über 11.000 Hörer. 1960 wurde der Große Saal umgebaut. 1974 schenkte der Verein das Gebäude der Stadt Wien, die von 1976 bis 1979 eine Generalsanierung durchführte.
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Literatur
- Friedrich Stadler: Der Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext. Überarbeitete Auflage. Cham: Springer 2015 (Veröffentlichungen des Instituts Wiener Kreis, 20) [1. Aufl. 1997]
- Christoph Limbeck-Lilienau / Friedrich Stadler: Der Wiener Kreis. Texte und Bilder zum Ursprung des Logischen Empirismus. Wien: LIT Verlag 2015
- Ottakring. Ein Heimatbuch des 16. Wiener Gemeindebezirkes. Hg. von der Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde in Ottakring. Wien: Schulbücherverlag 1924, S. 277
- Kurt Stimmer [Hg.]: Die Arbeiter von Wien. Ein sozialdemokratischer Stadtführer. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1988, S. 304 f.
- Felix Czeike: XVI. Ottakring. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1981 (Wiener Bezirkskulturführer, 16), S. 30
