Fremdenverkehr
Fremdenverkehr (Besucher Wiens, Hotels). Schon im Mittelalter gab es in Wien einen regen Besucherstrom; auf ihrem Weg ins Heilige Land machten Kreuzfahrer hier Station, aber auch Kaufleute suchten Wien regelmäßig auf und richteten teilweise hier auch ihre Niederlassungen ein. Der „Lobspruch" des Wolfgang Schmeltzl listet Mitte 16. Jahrhundert die zahlreichen Völker und Sprachen auf, mit denen man in Wien in Kontakt kommt. In der Hochrenaissance verfügte Wien bereits über 14 größere Gasthöfe; an erster Stelle stand der Gasthof „Zum goldenen Hirsch" (1, Rotenturmstraße 20). Die Einkehrgasthöfe für die Handelsleute entstanden vor allem entlang der Ausfallsstraßen (Taborstraße, Landstraße, Ungargasse, Wiedner Hauptstraße, Mariahilfer Straße). 1696 wurde die Meldepflicht für Fremde eingeführt; damals entstanden auch außerhalb der Stadt die ersten Fremdenunterkünfte. Im Zeitalter des Barock erleichterten verbesserte Straßen und Postkutschen das Reisen; Wien wurde das Ziel vieler vornehmer Reisender (Besucher), die Gasthöfe wurden nun bereits hinsichtlich ihrer Ausstattung und ihres Renommées in Güteklassen eingeteilt. Der Wiener Kongreß (1814/1815) brachte einen wesentlichen Aufschwung des Besucherstroms; im Vormärz erschienen auch erstmals gedruckte Reiseschilderungen und Reisebücher von prominenten Besuchern (Andersen, Alexis, Trollope und andere). Die Eisenbahn, die gegen Ende des Vormärz Wien mit anderen Städten verband, brachte neue Besucherschichten nach Wien; ein Mann namens Schrökl gründete um diese Zeit erstmals ein Reisebüro. Die Gasthöfe wandelten sich in den folgenden Jahrzehnten vielfach zu modernen Hotels. Die zahlreichen Neubauten in der Ringstraßenära, die dank der repräsentativen Lage und der Erfordernisse der Weltausstellung (1873) hinsichtlich Größe und Komfort weltstädtische Normen erreichten (wie sich auch an den Hotelnamen ablesen läßt, die die biederen Hausschilder ablegten und sich an internationale Vorbilder anglichen [Grand Hotel, Imperial, Bristol, Excelsior, Bellevue und andere]) und sich am Aussehen der ausländischen Kommerzhotels orientierten, traten an die Stelle der bis dahin üblich gewesenen Umbauten und Adaptierungen. Die nicht die Erwartungen erfüllende Weltausstellung und die Rezession der 70er Jahre führten zu einem Besucherrückgang; verschiedene Hotels gerieten in Schwierigkeiten und mußten anderen Verwendungszwecken zugeführt werden. 1882/1883 gründete ein Hotelierskonsortium den ersten „Verein zur Förderung des Wiener Fremdenverkehrs", eine großräumig planende Körperschaft, die Wien-Prospekte verschickte, Auslandskontakte anknüpfte und günstige Arrangements anbot. Das englische Reisebüro Thomas Cook & Son richtete eine Wiener Agentur ein, Repräsentanzen anderer Gesellschaften folgten. Pioniere des österreichischen Fremdenverkehrs waren auch die Alpinisten (Alpinismus) und Alpenvereine, außerdem zogen auch Heilquellen viele Besucher an. 1889 wurde die Fremdenverkehrsstatistik eingeführt, die auch über die in Wien angekommenen Fremden unterrichtet. Ihre Zahl betrug 1910 603.884 und hielt sich nach dem Ersten Weltkrieg bei schwankender Tendenz auf etwa der gleichen Höhe (1925: 535.828, 1930: 654.067); lediglich der Anteil der „Inländer" ging zugunsten der Ausländer (aus den selbständig gewordenen Staaten auf dem Boden der österreich-ungarischen Monarchie) zurück. Die Wirtschaftskrise führte zu erheblichen Rückgängen (1934: 352.659), die Einbußen durch die von der nationalsozialistischen deutschen Reichsregierung aus politischen Gründen verhängte „1.000-Mark-Sperre" konnten jedoch offensichtlich kompensiert werden (1937: 465.634). Das Jahr 1938 brachte infolge des „Anschlusses" aus politischen Gründen einen Übernachtungsboom (3,688.596), der interessanterweise nicht zuletzt durch steigende Besucherzahlen aus Westeuropa und den USA zustande kam. Seither kennen wir sowohl die Zahlen der eintreffenden Fremden wie jene der Nächtigungen (in Hotels und Pensionen beziehungsweise auf Campingplätzen). Die Randlage Wiens in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg („Eiserner Vorhang" zwischen den Staaten des westlichen und östlichen Bündnisses ab 1949) und die Besetzung Wiens durch die alliierten Truppen (1945-1955) ließen zunächst den Fremdenverkehr stagnieren (1950: 282.460 Fremde [in der Folge: Fr.], 940.014 Übernachtungen [in der Folge: Ü.]). Als 1955 der Wiener Fremdenverkehrsband (Tourismusverband) gegründet wurde, registierte man in Wien erst 1,6 Millionen Ü. Seit den 60er Jahren nahm der Fremdenverkehr zu; der Abzug der Besatzungstruppen (1955), die Verlegung internationaler Organisationen nach Wien (ab 1957) und die Gründung der Austrian Airlines (1958) waren neben der Wiederentdeckung Wiens als mitteleuropäische Kunst- und Kulturstadt maßgebliche Faktoren (1960: 773.740 Fr., 2,301.972 Ü.; 1970: 1,332.699 Fr., 3,636.801 Ü.; 1980: 1,450.431 Fr., 4,011.847 Ü.; 1990: 2,643.051 Fr., 6,730.139 Ü.). Mit der Intensivierung des internationalen Städtetourismus (Einbeziehung Wiens auch in Europareisen von Überseetouristen), dem sich verstärkenden Kongreßtourismus (Kongreßzentrum Hofburg; Bau des Austria Center Vienna samt Konferenzzentrum [22, Kagran]) und der Öffnung der Ostgrenzen (1989) kam es in den 80er Jahren, verbunden mit dem gezielten Ausbau der Infrastruktur (Bau von Hotels, vor allem solchen der gehobenen Klassen) zu deutlichen Steigerungsraten, verbunden mit einer erkennbaren Verschiebung hinsichtlich der Wien besuchenden Nationen (1960: 731.323 Fr., 2,149.337 Ü.; 1970: Fr., Ü.; 1980: 1,693.568 Fr., 4,577.823 Ü.; 1985: 2,126.058 Ankünfte, 5,535.803 Ü.; 1990: 7,508 Mio Ü.). - Betrachten wir die Anteile der einzelnen Nationen, so ergibt sich folgendes Bild (Zahlen: ankommende Fremde, in der Ersten Republik nur auf Hotels bezogen): Österreich: 1930: 208.652. 1934: 127.646. 1938: 124.917. 1950: 180.357. 1960: 223.299. 1970: 182.806. 1908: 232.461. 1985: 229.565. 1990: 355.307 (699.777 Ü). - Ungarn: 1930 61.065. 1934: 37.688. 1938: 29.281. 1950: 2.101. (1960-80 gemeinsam mit Besuchern aus der CSSR, Polen und Rumänien erhoben: 1960: 14.180. 1970: 45.892. 1980: 103.557). 1990: 50.846 (92.474 Ü). - CSR (CSSR, CSFR): 1930: 97.294. 1934: 66.181. 1938: 63.511. 1950: 1.761. 1985: 11.284. 1990: 50.846 (92.474 Ü). - Deutschland (BRD [seit 1990 einschließlich der angeschlossenen ehemaligen DDR]): 1930: 100.558. 1934: 17.321. 1938:238.702. 1950: 1.340. 1960: 127.647. 1970:254.455. 1980:385.792. 1985: 362.444. 1990: 555.713 (1,438.045 Ü). - Italien: 1930: 12.031. 1934: 12.396. 1938: 13.304. 1950: 27.559. 1960: 36.605. 1970:66.533. 1980: 112.137. 1985: 177.173. 1990: 351.325 (940.320 Ü). - USA: 1930: 38.138. 1934: 9.731. 1938: 18.772. 1950: 12.919. 1960: 99.741. 1970: 223.919. 1980: 172.028. 1985: 216.427. 1990: 824.461 Ü.
Literatur
- Statist. Taschenbücher;
- Wr. Fremdenverkehrsverband (Hg.), Arbeitsbericht 1980/81;
- Wr. Tourismusverband, Statist. Unterlagen.
