Österreichischer PEN-Club
Geschichte
Gründung und erste Jahre
Der erste PEN-Club wurde 1921 in London gegründet, Initiatorin war Catharina Amy Dawson Scott, erster Vorsitzender John Galsworthy. Die Londoner Gründung wurde zum „PEN International“. Die Abkürzung PEN steht für „Poets, Essayists, Novelists“, also Dichter, Essayisten, Romanschriftsteller. Scott lud 1921 prominente Schriftsteller aus ganz Europa zur Mitgliedschaft ein, aus Österreich war es Arthur Schnitzler, der die Einladung annahm.
Auch in Österreich war es eine Schriftstellerin, die das Unterfangen vorantrieb: Grete von Urbanitzky stellte ein Proponentenkommitee zusammen, das allerdings außer Raoul Auernheimer und Berta Zuckerkandl keine prominenten Namen umfasste. 1923 kam es schließlich zur Gründung des österreichischen PEN-Zentrums, mit Schnitzler als Ehrenpräsident, Urbanitzky als Generalsekretärin und Auernheimer als Präsident. Die Statuten des „Wiener P.E.N.-Club. Internationaler Club für Schriftsteller“ nennen als Vereinszweck schlicht, „eine internationale Vereinigung von Schriftstellern zu bilden“, die „Dichter, Romanschriftsteller, Essayisten und Verleger“ umfasse.[1]
Das Vereinsgeschehen dürfte sich rasch eingespielt haben, es wurden Meetings, Vorträge, Clubabende, Dinners veranstaltet, zu den Mitgliedern zählte das Who is Who des Literaturbetriebs (mit Ausnahme des Vereinigungen stets ablehnenden Karl Kraus). 1925 richtete man eine Feier zum 50. Geburtstag Thomas Manns aus, der Jubilar hielt eine Tischrede („Zum Problem des Österreichertums“). Neben gesellschaftlichen Ereignissen kümmerte sich der Club jedoch etwa auch um Fragen des Urheberrechts. 1926 kam es zum Zerwürfnis zwischen Urbanitzky und Auernheimer, 1927 wurde schließlich Felix Salten Präsident, 1929 war zum ersten Mal Wien Austragungsort eines Kongresses des Internationalen PEN.
Die Spaltung 1933
Im Mai 1933 wurde der XI. Kongress des Internationalen P.E.N.-Clubs in Ragusa (Dubrovnik) ausgetragen. Kurz zuvor hatten Nationalsozialisten in mehreren Städten öffentliche Bücherverbrennungen veranstaltet. Die deutsche Delegation weigerte sich, darüber eine Diskussion stattfinden zu lassen oder gar gegen die Bücherverbrennungen zu protestieren, und verließ während der Rede des ausgebürgerten Ernst Toller unter Protest den Raum. Grete Urbanitzky schloss sich diesem Protest an. Bereits im Vorfeld hatte sich die österreichische Delegation nicht auf eine einheitliche Stellungnahme zu den Vorgängen in Deutschland einigen können, die nationalen Autoren wehrten sich gegen ein kritisches Votum gegen Deutschland und drohten mit ihrem Austritt.
Im Anschluss an den Kongress forderte eine außerordentliche Generalversammlung in Wien Aufklärung, 25 der anwesenden Delegierten verabschiedeten eine Resolution gegen die Vorgänge in Deutschland. „Diese Resolution des österreichischen PEN vom 28. Juni 1933 war der unmittelbare Anlaß für den Protestaustritt der nationalen, der völkischen und einiger katholischer Autoren aus dem österreichischen PEN.“[2] Die Austritte (unter anderen von Urbanitzky, Franz Karl Ginzkey, Friedrich Schreyvogl, Paula Grogger) wurden mit einer pro-deutschen Presseerklärung versehen – eine endgültige Spaltung. Die im PEN-Club Verbliebenen waren nun im „Dritten Reich“ geächtet.
Nachdem auch Salten 1933 ausgetreten war, fand sich kein Präsident, sodass bis 1936 eine kollektive Führung bestand. Dann wurde Hans von Hammerstein-Equord, hoher Kulturbeamter im austrofaschistischen Staat, bis zum „Anschluss“ Präsident. In einem Schreiben vom 11. März 1938 „meldet“ Hammerstein-Equord, wie der PEN-Chronist Roman Roček schreibt, „den österreichischen Club beim Internationalen P.E.N. in London ab“.[3] Der Club wurde liquidiert, Vermögen und Archiv von der Gestapo beschlagnahmt.
Exil und Wiederaufbau in Wien
In London bildete sich 1939 organisatorisch ein österreichischer Exil-PEN-Club. Bereits 1938 war es Paul Frischauer gelungen, im englischen PEN eine Sammelaktion für exilierte österreichische Schriftsteller zu lancieren und so einen Unterstützungsfonds ins Leben zu rufen. Der „Free Austrian PEN-Club“ wählte den bereits schwer kranken Sigmund Freud, der im September 1938 im Londoner Exil eingetroffen war, zum Ehrenpräsidenten, Franz Werfel (im US-amerikanischen Exil) wurde Präsident. Der Tod Sigmund Freuds führte zu einer Umorganisation, Werfel wurde Ehrenpräsident (bis 1945), der Generalsekretär Robert Neumann wurde geschäftsführender Präsident (bis 1947). „Weder vorher noch nachher hatte der österreichische PEN so viele bedeutende Autoren und Autorinnen in seinen Reihen wie in den Jahren, da Österreich zu existieren aufgehört hatte.“[4]
Walter Hollitscher, Generalsekretär des Londoner Exil-PEN-Clubs, wurde 1946 von Neumann nach Wien geschickt, um sich nach „einwandfrei antifaschistischen“ Schriftsteller*innen umzusehen, die sich an einer Neugründung eines österreichischen Zentrums beteiligen möchten. Hollitschers Mission war erfolgreich, einhellig wurde Franz Theodor Csokor als Präsident, Alexander von Sacher-Masoch als Generalsekretär vorgeschlagen. Die Korrespondenz zwischen Wien und London bis zur Neugründung (am Internationalen PEN-Kongress in Zürich 1947) war bestimmt von der Frage, wer von den zur Aufnahme Vorgeschlagenen genügend „entnazifiziert“ oder kein/e Nationalsozialist*in gewesen war.
Csokor und Sacher-Masoch erinnerten in zahlreichen Aktionen und Veranstaltungen an die exilierten und im „Dritten Reich“ ermordeten Kolleg*innen, zugleich bestand im aufkommenden Kalten Krieg eine „auffällige Inkonsequenz im Umgang mit nationalsozialistisch kompromittierten Autoren.“[5]
Die Entwicklung seit 1955
1955 wurde der Kongress des Internationalen PEN-Clubs zum zweiten Mal in Wien abgehalten. Begleitet von publizistischen Anwürfen der beiden antikommunistischen Kämpfer Hans Weigel und Friedrich Torberg wurde einen Monat nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags diese Großveranstaltung mit Teilnehmenden aus kommunistischen Ländern in erster Linie als Beitrag zur Völkerverständigung gesehen.
Zu dieser Zeit war der österreichische PEN-Club, dem es wie allen Zentren im Grunde um Überparteilichkeit ging, immer wieder Kritik bezüglich seiner Position zum Realsozialismus und zu seinen kommunistischen Mitgliedern ausgesetzt. Die Ungarnkrise 1956 zeigte sich hier als Katalysator, es kam zu einer Umfrageaktion, deren Ergebnis der Ausschluss der letzten drei verbliebenen kommunistischen Mitglieder war (Ernst Fischer, Hugo Huppert, Bruno Frei). Das Wiener Zentrum kam aber nicht zur Ruhe, es gab weiterhin Grabenkämpfe, die „nach Csokors Tod im Jänner 1969 eine neue Dimension“ bekamen.[6] Alexander Lernet-Holenia, Präsident 1969–1972, war umstritten, besonders weil er sich gegen Protestaktionen und dergleichen aussprach, 1970 trat er aus dem Club aus, blieb aber in seiner Funktion. Hilde Spiel war Generalsekretärin und aufgrund von Lernets organisatorischem Unwillen eine Art „Schattenpräsidentin“. Ihre Kandidatur um die Präsidentschaft fruchtete 1972 nicht, vor allem Friedrich Torberg agitierte gegen sie.
Die Präsidentschaft von Ernst Schönwiese war geprägt von einer Spaltung der Literaturszene. Eine jüngere Autorengeneration, die im PEN einen machtbewussten, konservativen Eliteclub und sich auch künstlerisch nicht mehr repräsentiert sah, suchte neue Wege der Mitsprache. 1973 kam es zur Gründung der Grazer Autorenversammlung (GAV), was in der Folge zu einem Bedeutungsverlust des PEN-Clubs führte. Der PEN wurde zunehmend selbstbezogen, Helmut A. Niederle spricht von einer „gemütlichen, aber gar nicht mehr zeitgemäßen Atmosphäre“ unter Präsident Erik Wickenburg (1980–1988).
Eine Neuorientierung hin zu mehr publizistischem und zugleich humanitärem Engagement wurde unter der kurzen Präsidentschaft von György Sebestyén (1988–1990) initiiert. Das Jahr 2011 schließlich stellt eine Zäsur in der jüngsten PEN-Geschichte dar: Der Verein musste Insolvenz anmelden, laut dem damaligen Präsidenten, Wolfgang Greisenegger, eine „Folge des P.E.N.-Weltkongresses, den wir 2009 in Linz abgehalten haben“.[7] In der Folge kam es, so die Selbstdarstellung, zu einer Neupositionierung: „Besonderes Augenmerk wurde auf Autorinnen und Autoren gelegt, die in Österreich ein neues Zuhause gefunden haben. Sie sorgen mit der Besinnung auf ihre kulturellen Wurzeln für eine Vielfalt der literarischen Stimmen, wie es der sich durch Migrationsströme verändernden Welt entspricht.“[8] Neben diesem Schwerpunkt ist dem Österreichischen PEN-Club der Einsatz für Menschenrechte und für inhaftierte Autor*innen wichtig in einer Weltlage, in der sich „Bedrohungsszenarien gegenüber dem freien Wort laufend und substantiell verändern“.[9] Heute bestehen neben dem österreichischen PEN-Zentrum in Wien vier Landeszentren (Niederösterreich, Oberösterreich, Burgenland, Salzburg).
Quellen
- Wienbibliothek im Rathaus: Teilnachlass Franz Theodor Csokor
- Wienbibliothek im Rathaus: Nachlass Grete von Urbanitzky
- Statuten des Wiener P.E.N.-Club (1933)
Literatur
- Marion Wisinger: Wir sind da. Über die Arbeit des Writers in Prison Committee. In: Katharina Manojlovic, Cornelius Mitterer (Hg.): Politik und Literatur. Mit einem Dossier zum österreichischen P.E.N.-Club 1923–2023 in internationaler Perspektive. Wien: Zsolnay 2023 (Profile, Bd. 30), S. 243–247
- Klaus Amann: Der österreichische PEN-Club in den Jahren 1923–1955. In: Dorothée Bores, Sven Hanuschek (Hg.): Handbuch PEN. Geschichte und Gegenwart der deutschsprachigen Zentren. Berlin, Boston: de Gruyter 2014, S. 481–532
- Helmut A. Niederle: Der lange Weg ins 21. Jahrhundert. In: Dorothée Bores, Sven Hanuschek (Hg.): Handbuch PEN. Geschichte und Gegenwart der deutschsprachigen Zentren. Berlin, Boston: de Gruyter 2014, S. 550–561
- Ingrid Schramm: Der Wiener PEN-Club vom Beginn des Kalten Krieges bis zur Ostöffnung (1947–1990). In: Dorothée Bores, Sven Hanuschek (Hg.): Handbuch PEN. Geschichte und Gegenwart der deutschsprachigen Zentren. Berlin, Boston: de Gruyter 2014, S. 533–549
- APA: Österreichischer P.E.N.-Club ist insolvent. Der Standard, 9.3.2011 [Stand: 22.08.2025]
- Roman Roček: Glanz und Elend des P.E.N. Biographie eines literarischen Clubs. Wien u.a.: Böhlau 2000
- Klaus Amann: Die Dichter und die Politik. Essays zur österreichischen Literatur nach 1918. Wien: Falter/Deuticke 1992
