Wienerberger Ziegelfabrik
48° 9' 17.23" N, 16° 20' 48.32" E zur Karte im Wien Kulturgut
Die Wienerberger Ziegelfabrik (10., Wienerbergerplatz 1) entwickelte sich aus einer 1775 entstandenen Ziegelei in Inzersdorf, die 1820 von Alois Miesbach gepachtet und ausgebaut wurde. Unter seinem Neffen Heinrich Drasche entfaltete sich die Ziegelfabrik zur größten Europas. In der Ziegelfabrik herrschten elende soziale Bedingungen, die Victor Adler beschrieb. In der Zwischenkriegszeit war ein Aufschwung zu verzeichnen, danach jedoch eine von den 1930er-Jahren bis in die Nachkriegszeit andauernde Krise. Die Ziegelfabrik am Wienerberg wurde in den 1960er-Jahren geschlossen. Ab den 1980er-Jahren fokussierte sich das Unternehmen auf den Sektor Baustoffmaterialien.
Geschichte
Entstehung
Unter Maria Theresia entstand 1775 in Inzersdorf am Wienerberg die erste staatliche Ziegelei. Da die Ziegel hauptsächlich zur Verbesserung der Basteien und des Linienwalls benötigt wurden, bürgerte sich die Bezeichnung "Fortifikations-Ziegelofen" ein.
Pacht durch Alois Miesbach
Der Bauingenieur und Agrarfachmann Alois Miesbach pachtete 1820 die Wienerberger Ziegelfabrik und gestaltete durch Kauf ausgedehnter Gründe mit reichen Tonlagern am Wienerberg das Unternehmen zu einem Großbetrieb. Neben anderen Zukäufen gesellte sich zu den Ziegelfabriken im Jahr 1850 eine Terracottafabrik am Wienerberg.
Aufschwung zum Großunternehmen
Sein Alleinerbe und Neffe Heinrich Drasche machte sich um die Erweiterung des Unternehmens in den Kohlenbergbau verdient und erbaute einige hundert Zinshäuser am Ring und den Außenbezirken. Die Ringstraßenbauten, das Arsenal, das Hauptzollamt und die Semmeringbahn sind prominente Bauwerke, die aus Wienerberger Ziegeln errichtet wurden. Unter Drasche entwickelte sich die Ziegelfabrik zur größten Europas (1862 Jahresproduktion 130 Millionen Stück Ziegel). Drasche, bald "der reichste Mann Wiens", ließ für seine rund 10.000 Arbeiter Wohnhäuser errichten, spendete große Summen für humanitäre Stiftungen und begründete Sozialeinrichtungen (Pensionsfonds, "Arbeiter-Cassen" zur Krankenfürsorge, Kinderbewahranstalt).
Das Ziegeleiunternehmen wurde unter anderem durch Kauf von Anlagen am Wienerberg und am Laaer Berg und von Ziegelfabriken in Hernals und im Laaer Wald erweitert. Am Wienerberg entstand eine Versuchsstation für Maschinen für die Ziegelindustrie. Drasche zog sich jedoch in der Folge zurück und blieb Minderheitsaktionär der Aktiengesellschaft Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugesellschaft.
Soziale Situation der Arbeiter
1869 wurde der Betrieb in die "Wiener Ziegelfabriks- und Baugesellschaft" umgewandelt. Was als soziales und mustergültiges Unternehmen begonnen hatte, endete in Verwahrlosung und Verelendung. Trotz des anhaltenden Baubooms verschlechterte sich die soziale Lage der Ziegelarbeiter um die Jahrhundertwende dramatisch. Erst Victor Adler wies öffentlich auf die unhaltbaren Zustände hin; nach der Publikation blieb die Wirkung nicht aus; 1895 wurde der erste erfolgreiche Streik abgehalten, und wenige Wochen danach wurde der "Fachverein der Ziegelarbeiter" gegründet, der für eine allmähliche Besserung der Verhältnisse sorgte.
Ende der Monarchie und Zwischenkriegszeit
Im Jahr 1898 waren Dampfmaschinen mit einer Gesamtleistung von 1700 PS im Einsatz. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter betrug rund 8000. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges verfügte die Gesellschaft über 16 große Ziegelfabriken. Im Ersten Weltkrieg erwarb die Wienerberger das zweitgrößte Bauunternehmen, die Union-Baumaterialien-Gesellschaft, und die Gödinger Ziegelwerke der Brüder Redlich und erlangte damit de facto ein Monopol. Nichts desto trotz hatte der Weltkrieg das Baugeschehen zum Erliegen gebracht und durch den Zerfall der Monarchie sah sich die Gesellschaft veranlasst, ihre Werke in den Nachfolgestaaten abzugeben. Nach einem Aufschwung Ende der 1920er Jahre waren 1932 in der Weltwirtschaftskrise im Ziegelwerk nur noch 450, in der Tonwarenfabrik nur noch 270 Personen beschäftigt und das Unternehmen musste saniert werden. Die Leitung ging an die Creditanstalt über.
Krise und Expansion in der 2. Republik
Auch im Zweiten Weltkrieg setzte sich die krisenhafte Entwicklung fort, ehe der Wiederaufbau die Chance zu einem großen Aufschwung bot. Mitte der 1950er Jahre wurden rund 3.000 Beschäftigte gezählt. Die folgenden zehn Jahre dienten dem Ausbau der Werke, wobei am Wienerberg zwei Werke entstanden. Die externe Expansion setzte 1966 mit dem Erwerb der Wiener Ziegelwerke AG ein, die zunächst auf Österreich beschränkt blieb, sich aber ab den 1980er Jahren auch zunehmend auf das Ausland erstreckte. In diesen Jahrzehnten mutierte Wienerberger zu einem Baustoffkonzern, was sich auch in der 1971 vorgenommenen Namensänderung in Wienerberger Baustoffindustrie AG niederschlug. Ab 1986 startete eine enorme Expansionsphase, die Wienerberger zum größten Ziegelproduzenten weltweit machte.
Die Ziegelfabrik war noch bis in die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg in Betrieb, wurde jedoch in den 1960er Jahren wegen Unrentabilität des Lehmabbaus geschlossen.
Wienerberger international
Wienerberger ist der einzige multinationale Anbieter von Ziegeln für Wand und Dach sowie für Flächenbefestigungen aus Beton und für Rohrsysteme. Momentan gibt es insgesamt 202 Produktionsstandorte in 30 Ländern. Sie sind über Exporte in internationalen Märkten tätig, womit sie der größte Ziegelproduzent weltweit und die Nr. 1 bei Tondachziegeln in Europa sind. Weiters halten Wienerberger führende Positionen bei Rohrsystemen in Europa und bei Betonflächenbefestigungen in Zentral-Osteuropa. Außerhalb von Europa sind sie noch in Kanada, den USA und Indien tätig.
Meilensteine des Unternehmens
Hier sind die Meilensteine des Unternehmens aufgelistet (dies stellt zudem eine Zusammenfassung der wichtigsten Unternehmensinformationen dar, bezogen von www.wienerberger.com):
- 1820 Gründung durch Alois Miesbach
- 1869 Notierung an der Wiener Börse
- 1986 Beginn der Internationalisierung durch Markteintritt in Deutschland
- 1989 Gründung des Pipelife Joint Ventures (Kunststoffrohre) und Ausbau der keramischen Rohraktivitäten (Steinzeug-Keramo)
- 1990 Beginn der Expansion nach Osteuropa
- 1996 Aufbau des Geschäftsfelds Vormauerziegel (Terca) und Einstieg bei Betonpflastersteinen (Semmelrock)
- 1999 Markteintritt in den USA (General Shale)
- 2003 Aufbau des Geschäftsfelds Dachsysteme (Koramic)
- 2004 Entwicklung zur reinen Publikumsgesellschaft
- 2007 Markteintritt in Kanada
- 2009 Umsetzung eines umfassenden Restrukturierungsprogramms durch den neuen CEO Heimo Scheuch
- 2012 Aufbau der Division Rohre & Pflaster durch vollständige Übernahme von Pipelife
- 2013 Regina Prehofer einstimmig zur ersten Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Wienerberger AG gewählt
- 2014 Übernahme der Tondach Gleinstätten Gruppe (Tondachziegel)
Archäologie
1841 wurden fünf römerzeitliche Meilensteine in der Wienerberger Ziegelfabrik gefunden.
Siehe auch
Quellen
- Wiener Stadt- und Landesarchiv, Handelsgericht, B75/7: Handelsregister Ges 7 /462, Wienerberger Ziegel-Fabriks- und Bau-Gesellschaft,
- Wiener Stadt- und Landesarchiv, Handelsgericht, B75/29: Handelsregister Ges 29/153, Wienerberger Ziegel-Fabriks und Bau-Gesellschaft
- Wiener Stadt- und Landesarchiv, Handelsgericht, B75/63: Handelsregister Ges 63/140, Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugesellschaft; Wienerbergi téglagyár és épitötársaság
- Wiener Stadt- und Landesarchiv, Handelsgericht, B77/20: Handelsregister B 20/108, Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugesellschaft
Literatur
- Franz Mathis: Big Business in Österreich. Österreichische Großunternehmen in Kurzdarstellungen, Wien: Verlag für Geschichte und Politik 1987, S. 357-363.
- Die Gross-Industrie Oesterreichs. Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Oesterreichs 1898, Bd. 6, Wien: Leopold Weiss 1898, S. 83-85.
- Vision - Tradition 1819-1994. 175 Jahre Wienerberger Baustoffindustrie AG, 125 Jahre Aktiengesellschaft, Wien: Selbstverlag (1994).





