Türkis Rosa Lila Villa
Für weitere Bedeutungen siehe Türkis Rosa Lila Villa (Begriffsklärung).
Die Türkis Rosa Lila Villa (vormals: Rosa Lila Villa) ist laut Selbstbeschreibung "ein politisches Bestärkungsprojekt von und für Lesben, Schwule, bisexuelle, trans, inter* und nicht-binäre Menschen, das in seiner Art einmalig ist."[1]
Zum Gründungszeitpunkt lautete die Selbstdefinition auf einem Flugblatt: "Die ROSA LILA VILLA (R.L.V.) ist ein Zentrum der Lesben-und Schwulenbewegung. Sie ist ein selbstverwaltetes Wohnhaus für homosexuelle Frauen und Männer mit öffentlichen Einrichtungen zur Beratung, Information, Bildung und Kommunikation."[2]
Gründung – Besetzung
Die Rosa Lila Villa entstand 1982 aus einer Hausbesetzung durch queere Aktivist*innen, die einen Ort für alternative Lebens- und Wohnentwürfe einforderten. Die Stadt Wien hatte zuvor in Verhandlungen mit der aufstrebenden Hausbesetzungsszene angeboten, ein Stockwerk eines anderen leerstehenden Gebäudes in der Liniengasse für die Community zur Verfügung zu stellen. Dieses Vorhaben kam jedoch nicht zustande, da das Gebäude in zu schlechtem Zustand für eine Instandsetzung war. Um das Projekt nicht aufzugeben, besetzten Aktivist*innen das Haus der heutigen Villa in der Linken Wienzeile 102, das abgerissen werden und einer Parkgarage weichen sollte.
Die leerstehenden Räume wurden durch die Besetzer*innen renoviert und bewohnbar gemacht. Eine Legalisierung der Besetzung erfolgte noch im selben Jahr nach Verhandlungen mit der Vizebürgermeisterin Gertrude Fröhlich-Sandner. Es kam zu der Einigung, dass im Haus eine Beratungsstelle für queere Personen eingerichtet und die Renovierung des Hauses von den Aktivist*innen getragen werden würde. Infolgedessen wurde die Beratungsstelle "Rosa Lila Tip" gegründet und die Fassade mit dem Schriftzug "Erstes Wiener Lesben- und Schwulenhaus" versehen, um den politischen Anspruch der Aktivist*innen sichtbar in der Stadt zu platzieren. In "pink und lila stand nun alles drauf, was drin war" (Handl S. 126). Diese Fassadengestaltung war besonders mutig, da bis 1997 Gesetzesparagraphen in Kraft waren, die die "Werbung für Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechtes" (§220) bzw. das "Gründen von Verbindungen, die gleichgeschlechtliche Unzucht begünstigen" (§221) unter Strafe stellten. Die Villa wurde von Boulevardmedien als "Schandfleck" bezeichnet und erlitt zahlreiche queerfeindliche, rechtsextreme Angriffe. Die offizielle Eröffnung fand am 15. November 1982 statt, schnell wurde die Villa zu einem Kernpunkt der Wiener queeren Szene.
Renovierung und Neustrukturierung
Der Verein erhielt Mitte der 1980er Jahre von der Stadt Wien das Baurecht auf 30 Jahre (2012 verlängert bis 2045), wodurch das Wohnprojekt langfristig gesichert und eine Totalsanierung innen wie außen möglich wurde. Nach Abschluss der Sanierung 1988 strukturierte sich das ursprüngliche Kollektiv in drei Vereine: den "Rosa Lila Tipp" (Informations- und Beratungsstelle und Trägerverein), den Wohnverein Rosa Lila Villa und das Café Willendorf (ehemals "Warmes Nest", heute "Villa Vida"), wobei das Café seit circa 1990 nicht mehr kollektiv betrieben wird und mehrmals Betreiber*innen gewechselt hat.
Die Peer-Beratung war und ist Anlaufstelle bei Themen wie etwa Coming-Out, Identität und Begehren, Beziehungen, Umgang mit Diskriminierung, Gesundheit. Zusätzlich finden Gruppenangebote zu diversen Themen statt, ob zum Kennenlernen, zur Freizeit oder zur Selbsthilfe.
Eine Erweiterung des Namens zu Türkis Rosa Lila Villa bzw. Türkis Rosa Lila Tip erfolgte 2012, um die Teilhabe von trans Personen zu betonen.
Der Verein Queer Base, der vor allem Rechts- und Wohnberatung für queere Geflüchtete anbietet, ist seit circa 2015 ebenfalls in der Türkis Rosa Lila Villa angesiedelt.
Seit der Gründung fungiert die Villa als Wohnverein, Beratungsstelle sowie Veranstaltungsort und verfügt über eine kleine Bibliothek.
Archivmaterial zu der Villa findet sich im QWien – Zentrum für queere Geschichte, im Stichwort – Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung sowie auch im Katalog der Wienbibliothek.
Quellen
- Website der Türkis Rosa Lila Villa [Stand: 09.07.2025]
Literatur
- Joanne Becker: Rosa Lila Beratung. Sichtbarkeit und Anonymität. In: Aether 08. Queer Vienna: Einblicke in ein Bewegungsarchiv. Hg. v. Andreas Brunner, Sebastian Felten, Hannes Sulzenbacher. Intercom: Zürich 2023, S. H1–H18
- GABU Heindl Architektur: Türkis Rosa Lila Villa. Barrierearme Umgestaltung des Community-Zentrums für Lesben, Schwule und Trans-Personen in der Türkis Rosa Lila Villa. Wien: 2018 [Zugriff 02.07.2025]
- Türkis Rosa Lila Villa (Hg.): Türkis Rosa Lila Villa barrierefrei JETZT! Crowdfunding zum Umbau. Wien: 2018 [Zugriff 02.07.2025]
- Rosa Lila Tip [Hg.]: "Weil drauf steht, was drin ist!" 10 Jahre Lesben- und Schwulenhaus Rosa Lila Villa. Selbstverlag: Wien 1992
- Marty Huber: Rosa Lila Villa – seit 1982. In: Martina Nußbaumer / Werner Michael Schwarz [Hg.]: Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern. Czernin: Wien 2012, S. 208–210
- Michael Handl: Von Rosa Villen und Wirbeln und Homosexuellen Initiativen. Die österreichische Homosexuellenbewegung nach Stonewall. In: Michael Handl / Gudrun Hauer / Kurt Krickler / Friedrich Nussbaumer / Dieter Schmutzer [Hg.]: Homosexualität in Österreich. Junius: Wien 1989, S. 120–151
Referenzen
- ↑ Türkis Rosa Lila Villa, Zugriff 02.07.2025
- ↑ Lesben + Schwulenhaus: Rosa Lila Villa 1060 Wien Linke Wienzeile 100 & zwei. In: R.L.V. 1 – Villa Konzepte, Broschüren, Mappe mit Konzepten u. Broschüren der Rosa Lila Villa, QWIEN Archiv, [ca. 1982]
