Liesingbach

Aus Wien Geschichte Wiki
Wechseln zu:Navigation, Suche
Einzugsgebiet des Liesingbachs (1825)
Daten zum Objekt


Der Liesingbach (23. und 10. Bezirk), linker Nebenfluss der Schwechat, entsteht im Gebiet von Rodaun aus dem Zusammenfluss der Dürren Liesing (Quellensammlung in Sulz-Stangau) und der Reichen Liesing (Quellensammlung in Hochrotherd) und durchfließt Rodaun, Liesing, Atzgersdorf, Inzersdorf, Rothneusiedl, Oberlaa und Unterlaa, Kledering und Rannersdorf, um nach zirka 30 Kilometer langem Lauf zwischen den niederösterreichischen Orten Rannersdorf und Altkettenhof in die Schwechat zu münden.

Verlauf

Der Oberlauf liegt in der Berglandschaft des Wienerwaldes, der Unterlauf im Wiener Becken. Der Liesingbach durchquert den südlichen Wienerwald in west-östlicher Richtung und tritt bei Kalksburg in Wiener Gebiet ein. An jener Stelle, an der er ins Wiener Becken eintritt, entwickelte sich Rodaun, dessen Burg eine Sperrfeste im Tal bildete. Im Quellgebiet von Hochrotherd (Wasserscheide zwischen Wolfsgrabenbach und Reicher Liesing) entstand jene "breite Furt", die seit alters den Verkehr zwischen den beiden Tälern herstellte. Vom Höhenrücken westlich von Breitenfurt genießt man einen Fernblick über das nach Osten verlaufende Liesingbachtal.

Der Liesingbach durchzieht den gesamten 23. Bezirk in einem regulierten Bett, setzt seinen Lauf (Bezirksgrenze zwischen Inzersdorf und Rothneusiedl) im 10. Bezirk am Südrand von Wienerberg und Laaer Berg fort und erreicht in Kledering wieder niederösterreichisches Gebiet.

Im Stadtgebiet münden einige kleinere Zubringer in den Liesingbach. Der größte ist der auch heute noch Großteils "naturnah" fließende Gütenbach mit Mündung westlich von Kalksburg. Weitere Zubringer sind Knotzenbach, Lindgrabenbach, Niederreiterbach und Altmannsdorfer Graben, die alle heute komplett eingewölbt sind.

Abflussregime und Flussmorphologie

Morphologische Flusstypen (Gerinneformen) der Liesing vor den ersten Laufbegradigungen (‰-Werte bezeichnen das Sohlgefälle der jeweiligen Flusstyp-Abschnitte)
Historischer Längenschnitt der Liesing in den fünf morphologischen Flussabschnitten im Stadtgebiet (Überhöhung circa 1:100). Die Werte in Klammern bezeichnen das jeweilige mittlere Gefälle in ‰

Das Einzugsgebiet des Liesingbaches umfasst 112 Quadratkilometer, wovon 63 in Wien liegen. Wie auch der Wienfluss und andere Wienerwaldbäche hat der Liesingbach alpinen Charakter und gilt als Wildbach. Seine Wasserführung ist durch starke Schwankungen gekennzeichnet. Noch heute kann man beobachten, dass der Bach bei trockenem Wetter nur wenig Wasser führt, nach starken Regenfällen oder zur Schneeschmelze aber stark anschwillt. Zwischen den beiden Quellbächen gibt es dabei große Unterschiede, die mit den geologischen Eigenschaften des Einzugsgebiets zusammenhängen und sich auch in den Bachnamen wiederfinden. Das Quellgebiet der Reichen Liesing liegt in der Flyschzone des Wienerwalds. Der relativ wasserundurchlässige Boden lässt den Niederschlag rasch abfließen und die Wassermenge im Bach zunehmen. Der Mittelwasserabfluss (MQ) liegt bei 210 Liter pro Sekunde. Das Quellgebiet der Dürren Liesing besitzt einen Boden aus porösem Kalkgestein, in dem Niederschläge leichter versickern können. Dies führt zu einer gleichmäßigeren und von den Witterungsverhältnissen unabhängigeren Wasserführung. Der Mittelwasserabfluss beträgt 70 Liter pro Sekunde. Durch die Regulierung des Liesingbaches, den Bau des Kanalssystems und Einschränkung der direkten Wassernutzung wurden die Schwankungen der Abflussmenge im 20. Jahrhundert abgeschwächt. Heute beträgt der Mittelwasserabfluss (MQ) im Mündungsbereich etwa 500 Liter pro Sekunde. Bei einem hundertjährlichen Hochwasser (HQ 100) fließen etwa 94.000 Liter pro Sekunde in die Schwechat.

Ein primär west-ost-gerichteter Lauf, eine geringe Wasserführung und die intensive Nutzung der Wasserkraft seit dem Hochmittelalter zeichnen sowohl den Liesingbach als auch den Wienfluss aus. Die Liesing überwindet aber eine erheblich längere Strecke bis zu ihrer Einmündung in den nächsten größeren Fluss, die Schwechat. Auf dem einst rund 28 Kilometer langen Lauf von der heutigen westlichen Stadtgrenze bis zur Schwechat entwickelte der Liesingbach deshalb auch Gerinneformen, die es am Wienfluss nicht gab.

Vor der Regulierung ließ sich der Flusslauf in Wien in fünf morphologisch verschieden ausgeprägte Abschnitte gliedern. Aufgrund des relativ hohen Gefälles von über 6 ‰ hatten die beiden Quellbäche Reiche und Dürre Liesing generell einen gestreckten (geradlinigen) Lauf, entwickelten aber in etwas breiteren Talabschnitten auch größere Flussbögen. Infolge der starken Geschiebezufuhr aus dem Gütenbach, der bei Kalksburg in die Reiche Liesing mündet, entstand am breiter werdenden Talboden ein verzweigtes Schotterbett. Hier lagerte sich Geschiebe temporär ab, das bei Hochwasser wieder weitertransportiert wurde. Dieser Bachabschnitt wurde jedoch schon ab dem 13. Jahrhundert durch die Errichtung von Mühlen stark verändert. Der auffallend geradlinige Lauf der Reichen Liesing flussab von Kalksburg hing mit dem spätestens im 16. Jahrhundert errichteten großen Rodauner Wehr zusammen. Im Rückstaubereich lagerten sich Schottermassen ab und begruben das vormalige Flussbett, wodurch sich auch das Sohlgefälle verringerte. Flussab von Rodaun schuf der Liesingbach ein bis zu 70 Meter breites, gewundenes Schotterbett, wobei das Gefälle bis zur Altmannsdorfer Straße bei Alterlaa geringfügig zunahm. Nach diesem zuweilen sehr dynamischen Bachabschnitt trat die Liesing in eine für Wien einmalige Landschaft ein. In einer leichten Geländesenke zwischen dem Wienerberg und dem Schwemmfächer verringerte sich das Gefälle merklich auf 3,6 ‰. Hier befand sich einst ein von grundwassergespeisten Quellbächen durchzogenes Sumpfgebiet, das mit einem Moor südlich von Alterlaa zusammenhing. Von der dynamischen Kraft der Liesing blieb in diesem Abschnitt kaum mehr etwas übrig. In mehreren Armen verzweigt floss sie ähnlich wie Wiesenbäche durch das Feuchtgebiet. Die Mühle des Guts Steinhof, das 1276 erstmals erwähnt wurde, könnte durch den Aufstau des Wassers zur Vernässung des Umlands beigetragen haben. Flussab der Triester Straße änderte sich der Charakter der Liesing abermals. Aus dem verzweigten Gewässernetz ging ein gewundener, in Abschnitten auch mäandrierender Bach hervor, wobei sich das Gefälle auf 2,3 ‰ reduzierte. Mit zunehmendem Ausflachen des Schwemmfächers wechselte die Liesing flussab von Inzersdorf zu einem großteils mäandrierenden Lauf, den sie bis zur Mündung in die Schwechat beibehielt. Hier, auf mehr als 13 Kilometer Länge, hatte sie nur mehr 1,9 ‰ Gefälle und war damit Wiens einziger typischer Tieflandfluss.

Regulierungen

Vor 1683

Wahrscheinlich wurden bereits vor 1683 lokale Regulierungen vorgenommen – vor allem dort, wo die Liesing durch die Dörfer floss. Für Transportzwecke war der Bach wegen der geringen Wasserführung zwar nicht geeignet, die Querungen der hauptsächlich von Wien nach Süden verlaufenden Straßen und Wege boten aber gute Voraussetzungen für Siedlungsstandorte. Flussauf von Unterlaa wurde das Wasser der Liesing spätestens seit dem 16. Jahrhundert über weite Strecken in Mühlbäche ausgeleitet. Zwischen 1576 und 1597 wurde zudem eine Wasserleitung zur Versorgung des Schlosses Neugebäude errichtet, wozu ein Arm der Liesing oder eine Quelle im Feuchtgebiet nahe Altmannsdorf angezapft wurde. Diese Leitung wurde jedoch bereits 1599 durch ein Hochwasser wieder zerstört. Da sich die Region um die Liesing sehr gut für den Anbau von Getreide eignete, dienten die Mühlen am Liesingbach nicht nur der Versorgung der lokalen Bevölkerung, sondern waren auch für die Stadt Wien von großer Bedeutung. Dabei verwundert die intensive Wasserkraftnutzung der Dürren Liesing am meisten, da ihr mittlerer Abfluss lediglich 40 Liter pro Sekunde beträgt, während es an der Reichen Liesing heute immerhin 200 Liter pro Sekunde sind. Historisch war es nur unwesentlich mehr. Bis zur Mündung in die Schwechat kamen einst im Mittel immerhin rund 600 Liter pro Sekunde zusammen, aktuell sind es ca. 500. Obwohl nahe der Mündung theoretisch am meisten Wasser vorhanden war, existierten flussab von Unterlaa keine Mühlen. Einerseits war das Gefälle in der intensiv mäandrierenden Strecke dafür zu gering, andererseits trocknete das Bett im Sommer häufig aus.

1683-1830

Über die Regulierung der Liesing im 18. Jahrhundert liegen wesentlich weniger Informationen vor als zum Wienfluss. Einerseits war der menschliche Nutzungsdruck im ländlich geprägten Umland nicht so hoch, andererseits war die Liesing aus Wiener Sicht eher abgelegen. Dennoch lassen sich – abgesehen von Mühlbächen und Wehren – auch hier bereit großflächige Eingriffe in die Gewäs-serlandschaft nachweisen. Die ältesten in historischen Karten festgehaltenen Flurformen und Geländestrukturen geben Hinweise darauf, dass mehrere Flussbögen der Liesing bei Inzersdorf, Rothneusiedl, Oberlaa und Unterlaa bereits vor 1726, zum Teil eventuell sogar schon vor 1683, begradigt worden waren; ebenso mehrere Mäander kurz vor der Mündung in die Schwechat nahe Rannersdorf. Dadurch wurde nicht nur wertvolles, an die Siedlungen angrenzendes Land gewonnen, diese Maßnahmen eigneten sich auch, um größere Ufererosionen zu verhindern und den Hochwasserabfluss zu beschleunigen. Im Moor und im Sumpfgebiet ("In den Wiesen") zwischen dem damaligen Erlaa und Inzersdorf wurden beim Gut Steinhof bis 1755 mehrere Entwässerungsgräben ausgehoben, um das Gebiet landwirtschaftlich besser nutzen zu können. Flussab von Inzersdorf wurde ebenfalls ein mindestens 900 Meter langer mäandrierender Abschnitt der Liesing begradigt.

So wie an den anderen Wiener Flüssen kam es im Jahr 1768 auch am Liesingbach zu einer größeren Überschwemmung, worauf das Flussbett 1770 flussauf von Inzersdorf auf einer kurzen Strecke begradigt wurde und Graf Harrach eine Schafweide anlegen ließ. Die Flussregulierung diente auch der Landgewinnung bzw. deren Absicherung. Die anhaltende Hochwassergefahr dürfte auch der Grund gewesen sein, weshalb bei Rothneusiedl bis 1780 ein 500 Meter langes Umgehungsgerinne gegraben wurde. Aus diesem entstand in weiterer Folge der neue Lauf der Liesing, während das vormalige Bett als Mühlbach weiterverwendet wurde. Im selben Zeitraum wurde die Liesing auch in Oberlaa vollständig begradigt. Weiter flussab erfolgten hingegen keine nennenswerten Regulierungen. Durch die zunehmenden Hochwässer war die Liesing gezwungen, ihre Abflusskapazität zu erhöhen. Dies äußerte sich primär in einer Aufweitung des Flussbetts zwischen Rodaun und der heutigen Altmannsdorfer Straße. Dieser Anpassungsprozess hielt auch nach 1780, in vermindertem Ausmaß bis 1825 an. Die vermehrte Gefahr von Ufererosion bedrohte auch die abschnittsweise direkt neben der Liesing verlaufenden Mühlbäche, weshalb verstärkt Uferschutzbauten errichtet werden mussten.

Auch nach 1780 dürften noch größere Überschwemmungen aufgetreten sein, da sich das Schotterbett im Abschnitt mit dem höchsten Sohlgefälle zwischen Rodaun und Alterlaa bis 1825 stellenweise auf 50 bis 70 m Breite weitete; flussab der Einmündung der Dürren Liesing sogar auf 90 Meter. Hingegen musste man bei geringer oder normaler Wasserführung mitunter das Wasser im Flussbett suchen – ganz zu schweigen von Trockenzeiten. Die Intensivierung der menschlichen Nutzungen entlang der Liesing um die Wende zum 19. Jahrhundert erforderte weitere Regulierungen. So wurde bis 1825 der Lauf der Liesing zwischen Rothneusiedl und Kledering auf rund 3,2 Kilometer Länge begradigt. Ein Teil der Regulierungsarbeiten könnte im Zusammenhang mit dem Bau des Wiener Neustädter Kanals zwischen 1797 und 1803 erfolgt sein. Damals wurde für den Kanal westlich von Kledering eine Brücke zur Querung der Liesing errichtet. Zudem wurde versucht, die Feuchtgebiete rund um den Gutshof Steinhof zu drainagieren. Ende des 18. Jahrhunderts wurden neue Mühlbäche und Mühlen errichtet, wie z. B. die Neumühle an der Dürren Liesing 1784, bestehende Mühlbäche wurden verlängert (z.B. flussauf von Kalksburg) oder miteinander verbunden, sodass längere Mühlbachsysteme entstanden, etwa zwischen Rothneusiedl und Oberlaa. Durch all diese Maß-nahmen wurden die Mühlbäche immer stärker von der Dynamik des Liesingbachs separiert und die Ausleitung des Wassers aus der Liesing perfektioniert.

Der Liesingbach in Atzgersdorf (1819)
Zum Betrieb der Mühlen in Ober-/Unterliesing und zur Wasserversorgung des Schlosses war um 1825 ein komplexes Gewässersystem erforderlich, das im Süden mit dem Petersbach zusammenhing. Im Bereich der späteren Brauerei Liesing musste das Ufer mittels Buhnen vor Erosion geschützt werden (Hintergrund: aktuelle Bebauung; graue transparente Flächen: Bebauung um 1825).

1830-1918

Die Liesing wurde erst relativ spät nach einheitlichen Planungsprinzipien reguliert. Die fortschreitende Industrialisierung machte jedoch auch vor der Liesing nicht halt. Daran hatte der Aufstieg der Ziegelindustrie am Wienerberg und am Laaer Berg maßgeblichen Anteil, durch den sich auch die Bevölkerung in den Orten an der Liesing vervielfachte. Mit dem Bau der Südbahn ab 1839, der Ostbahn ab 1846 und der 1872 eröffneten Donauländebahn war es auch möglich, große Mengen Ziegel nicht nur in die Stadt Wien, sondern auch zu entfernten Absatzmärkten zu transportieren. Auch die vielen Mühlenbetreiber erhofften durch den einfacheren Getreidebezug per Bahn und die gesteigerte Nachfrage aus Wien eine Zunahme der Produktion. Aus den Mühlen entwickelten sich größere Betriebe, die anfangs nach wie vor auf Wasserkraft setzten, gegen Ende des Jahrhunderts aber immer mehr auf Dampfbetrieb umstellten.

All diese Faktoren bewirkten am Liesingbach zweierlei: Infolge des erhöhten Nutzungsdrucks entlang der Ufer versuchte man allerorts, nutzbare Flächen zu gewinnen, indem das Bachbett ohne übergeordnetes Regulierungskonzept begradigt und eingeengt wurde. Zum anderen wurde die Liesing für die energetische Nutzung optimiert, Mühlbäche wurden verlängert, um mehr Abfluss und Fallhöhe zu gewinnen, und neue Mühlbetriebe wurden gegründet (z.B. eine Mahlmühle bei Kalksburg 1860). Dazu kamen noch andere Nutzungen des wertvollen Liesingwassers, dessen Bedeutung zunahm. So wurden vermehrt Teiche zur Gewinnung von Eis angelegt, wie zum Beispiel im Moorgebiet nahe Alterlaa. Auch die Begehrlichkeiten der Landwirtschaft auf das Wasser der Liesing nahmen zu, wodurch Konflikte mit den Mühlenbetreibern unausweichlich waren. Jedoch erschwerte die tiefe Lage des Bachbetts oberhalb von Inzersdorf ohnehin eine Bewässerung der Gemüsegärten und Felder. In Atzgersdorf hatte sich das Bachbett infolge ungeregelter Schottergewinnung dermaßen vertieft, dass die Fundamente der Wehranlagen tiefer ausgebaut werden mussten. Zum Teil wurde das Sohlmaterial auch bei den großen Hochwässern 1847 und 1851 ausgeschwemmt, wodurch Stauanlagen und Uferschutzbauten unterwaschen wurden. Zwei Jahre nach dem großen Hochwasser von 1873 versuchten die Gemeindevorstände der Orte von Kalksburg bis Inzersdorf, Strategien zur Abwendung künftiger Überschwemmungen zu entwickeln. Besonders die Orte Liesing, Atzgersdorf und lnzersdorf litten unter den hygienischen Missständen. In den Jahren 1836, 1866 und 1873 kam es hier durch Choleraepidemien zu Todesfällen.

Zugleich litt das Ökosystem des Liesingbachs immer stärker unter den zahlreichen menschlichen Nutzungen und direkten Eingriffen in das Bachbett. Vor allem flussab des Liesinger Brauerei, wo die meisten Gewerbebetriebe und Fabriken angesiedelt waren, war von der einstigen Fischfauna und den Krebsen kaum mehr etwas übrig. Flussauf der Brauerei bis Rodaun war der Liesingbach um 1875 noch großteils unreguliert: Hier war das Schotterbett nach wie vor bis zu 60 Meter breit. Der zweite damals noch weitgehend naturnahe erhaltene Abschnitt befand sich zwischen Kledering und der Mündung, wo die Liesing noch immer stark mäandrierte. Da um 1900 die meisten Gewerbebetriebe und Mühlen von der Wasserkraft auf Dampfkraft umstiegen, verloren die Mühlbäche weitgehend ihren Zweck. Einzelne Abschnitte wurden aufgelassen, eingedeckt oder anderweitig genutzt. Um diese Zeit hatte auch die Ziegelindustrie ihren Höhepunkt erreicht. Während die Betriebe am Wienerberg und Laaer Berg riesige Ausmaße angenommen hatten, stellten jene westlich von Atzgersdorf und bei Neusteinhof, dem vormaligen Gut Steinhof, ihren Betrieb ein. Die Teiche in den aufgelassenen Abbaugruben wurden fortan von der ansässigen Bevölkerung für die Naherholung genutzt. Generell gewann die Erholungsfunktion der Gewässer an der Liesing immer mehr an Bedeutung, da die Bevölkerung um die Jahrhundertwende rasant zugenommen hatte. Dementsprechend stieg auch der Nutzungsdruck auf die Flächen im vormaligen breiten Bachbett der Liesing. Dies führte zu einer weiteren Regulierung der noch verbliebenen naturnahen Bachabschnitte und der Überdeckung von Zubringern wie zum Beispiel des Lindgrabenbachs in Mauer. Neue Verkehrswege, wie die bereits 1875 eröffnete Pottendorfer Bahnlinie, oder die Dampftramway nach Perchtoldsdorf (1883) und die Kaltenleutgebener Bahn (1883) erforderten lokale Stabilisierungen des Gerinnes und hochwassersichere Querungen. Seit 1875 wurden auch die Eisteiche samt Zuleitungskanälen im Moor „In der Wiesen“ und im vormaligen Sumpfgebiet bei Neusteinhof ausgebaut und Eisfabriken gegründet. Um das Jahr 1912 war bereits der ganze Lauf der Liesing bis Kledering in unterschiedlichster Weise reguliert. Lediglich der mäandrierende Abschnitt flussab von Kledering bis zur Schwechat blieb weiterhin unberührt. Der seit Jahrzehnten beobachtete Wassermangel und die schlechte Wasserqualität machten sich allerdings auch hier bemerkbar.

Generell rückte die Hochwasserproblematik im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr in den Fokus der Bevölkerung. Hatte man 1824 in Atzgersdorf auf ein besonders gravierendes Hochwasser noch mit der Verlegung des Schulgebäudes reagiert, wurden Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend Forderungen nach einer großräumigeren Strategie zur Vermeidung künftiger Überflutungen laut. Zwar wurde im Jahr 1899 ein Beschluss über eine umfassende Kanalisierung der Liesing gefasst, konkrete Pläne wurden aber erst 1914 im Rahmen des Notstandsarbeitsprogramms ausgearbeitet. Bis zur tatsächlichen Umsetzung sollte es jedoch aufgrund von Finanzierungsproblemen und zwei Weltkriegen noch weitere 25 Jahre dauern.

Seit 1918

Beinahe 40 Jahre nach der Wienflussregulierung wurde auch an der Liesing ein umfassendes Regulierungsprojekt in Angriff genommen. Dabei erleichterte die Eingemeindung der Orte entlang der Liesing in Groß-Wien 1938 die Planungsarbeiten und die Umsetzung des Projekts. Mit der starken Bevölkerungszunahme im Umfeld des Bachs hatten sich die sanitären Missstände und das Schadenspotenzial bei Hochwässern immer weiter verstärkt. 1916 hatte man zwar schon mit dem Bau des rechten Liesingtal-Sammelkanals begonnen, die Arbeiten mussten aber 1922 wieder eingestellt werden. Doch auch der neuerliche Start der Regulierungsarbeiten im Jahr 1939 stand kriegsbedingt unter keinem guten Stern. Bald nach dem Krieg rückten die unhaltbaren sanitären Zustände am Liesingbach wieder in den Fokus der Stadtverwaltung. Der Bach war durch Fabrikabwässer und Abfälle stark verschmutzt, unzählige Ratten fanden dort ideale Lebensbedingungen. Ab 1947 wurden die Arbeiten vorangetrieben und 1955 waren bereits zwei Drittel des Bachbetts verbaut. Zwei Hochwässer in den Jahren 1950 und 1951 hatten jedoch zwischenzeitlich alle in Bau befindlichen Werke in Liesing und Inzersdorf zunichte gemacht. Im Zuge der Arbeiten wurde das Bachbett bis zu 2 Meter abgesenkt, mit einem einheitlichen Profil von 24 Meter Breite versehen und die Sohle gepflastert. Das schwierigste Teilstück der Regulierung, die Eindeckung des Bachbetts in Atzgersdorf, wurde zwischen 1957 und 1962 bewerkstelligt. Jene im Zentrum Liesings wurde erst 1969 fertiggestellt, womit das Regulierungsprogramm 30 Jahre nach Baubeginn im Wesentlichen abgeschlossen war. Letzte Regulierungsarbeiten wurden noch 1977 bei Kalksburg vorgenommen.

Zusammen mit dem Liesingbach wurden auch einige kleinere Zubringer, wie der Unterlauf des Knotzenbachs bei Atzgersdorf, in den Untergrund verlegt und ins Kanalsystem integriert. Auch der vom Wienerberg kommende stark verschmutzte Altmannsdorfer Graben wurde eingewölbt. Kein Wunder, dass hier bereits in den Jahren 1948 bis 1951 Wiens erste Kläranlage errichtet worden war. Ebenso verschwanden allmählich die anfangs des 20. Jahrhunderts noch zahlreichen Mühlbäche. Sie wurden zugeschüttet oder eingewölbt und ins Kanalsystem integriert. Am längsten in Betrieb war die Dachler-Mühle in Rothneusiedl, die bis 1972 Getreide verarbeitete – seit 1940 jedoch mit elektrischem Antrieb.

So wie am Wienfluss wurden auch an der Liesing im Zuge der Regulierung zwei Sammelkanäle gebaut, wobei der rechte Kanal von Kaltenleutgeben bis Mannswörth bei der Donau und der linke Kanal von Kalksburg bis Steinhof reichen. Jedoch erwiesen sich sowohl die Sammelkanäle als auch das regulierte Bachbett nicht als ausreichend, weshalb das Liesingbach-System, das zu einem Hybrid aus Abwasserkanal und Hochwassergerinne geworden war, weiter ausgebaut werden musste. In den 1980er-Jahren wurden noch drei Rückhaltebecken für Hochwässer mit einem Fassungsvermögen zwischen 60 000 und 175 000 m³ Wasser ergänzt. Durch die seit etwa drei Jahrhunderten durchgeführten Begradigungen verkürzte sich die Lauflänge der Liesing in Wien bis zur Mündung bei Schwechat von einstmals rund 28 km um 1683 auf aktuell 21,5 km (davon ist 1 km eingewölbt). Als Folge der Laufverkürzung vergrößerte sich das Gefälle der Liesing von ca. 3,5 ‰ um 1683 bzw. 4,0 ‰ um 1755 auf nunmehr 4,8 ‰. Folglich ist davon auszugehen, dass sich auch die Fließgeschwindigkeit und damit die erosive Kraft des Gewässers im Vergleich zum unregulierten Zustand signifikant erhöht haben.

Regulierungsarbeiten nach einem Hochwasser direkt flussab der Pottendorfer Bahnlinie (1940)
Regulierter Abschnitt des Liesingbachs (1952)
Hochwasser während der Einwölbungsarbeiten beim Amtshaus in Liesing (1962)

Renaturierung

Am Liesingbach kam es bereits abschnittsweise zu ersten Renaturierungen, als die Regulierung noch gar nicht abgeschlossen war. Schon 1970 wurde bei Kalksburg damit begonnen, die gepflasterte Sohle des Bachbetts zu entfernen. Zwischen 1984 und 1989 folgte eine naturnahe Sanierung der Dürren Liesing von der Ketzergasse bis zur Mündung und 1997 wurde ein erster Versuch mittels ingenieurbiologischer Baumethoden im Unterwasserbereich des ehemaligen Rodauner Wehrs vorgenommen (zwischen Willergasse und An der Au). Zwischen 2002 und 2005 wurde zur Verbesserung der Wasserqualität der Liesingtal Kanal gebaut. Seither hat die Kläranlage Blumental ausgedient, ihre Klärbecken mit einem Fassungsvermögen für 20.000 m³ Wasser werden heute aber als Hochwasserauffangbecken weiterverwendet.

Der Bau des Liesingtal Kanals wurde bis 2006 auch dazu genutzt, das Bachbett naturnah umzugestalten, da es nun keine Schmutzwässer mehr ableiten musste. Zu diesem Zweck wurde die Sohlpflasterung aufgebrochen und durch eine mit Substrat bedeckte und verbreiterte Sohlfläche ersetzt. Das hydraulische Gefälle wurde durch Laufverlängerung, Errichtung des Mäanders Kledering, Schaffung von Flachwasserzonen, sowie Schotterbänken und Verlandungszonen verringert. Wo es möglich war, wurde dem Bach ein Teil seines ehemaligen, vor der Regulierung eingenommenen Raumes zurückgegeben. Bei der Wahl der Uferbefestigung wurde auf die Schaffung von Lebensräumen für aquatische Kleinlebewesen Rücksicht genommen. Damit waren wieder Fischwanderungen und Austauschprozesse mit dem Grundwasserkörper möglich. In breiteren Abschnitten wurden auch größere Flachwasserbereiche, Verlandungszonen und neue Schotterbänke geschaffen. Durch die Bepflanzung der Uferböschungen, Möblierung der Uferwege, sowie die Anhebung der Wasserqualität wurde aus dem Bachlauf ein einladendes Naherholungsgebiet. Bis 2027 soll der Liesingbach auf einer Strecke von insgesamt 9,2 Kilometern naturnah umgestaltet sein.

Der Liesingbach beim Aquädukt der Ersten Hochquellenleitung (2019)
Hochwasser der Liesing auf Höhe Löwenthalgasse (September 2024)

Siedlungsraum und Wassernutzungen

Siedlungskerne entlang des Liesingbaches - Zustand um 1820, basierend auf dem Franziszeischen Kataster.

Die Besiedlung des Liesingtals reicht bis in die Jungsteinzeit zurück. Die Liesing selbst wird im Jahr 1002 erstmals urkundlich erwähnt, während die meisten Ortschaften, die heute gemeinsam den 23. Bezirk Liesing bilden, ab 1100 erstmals genannt werden. Der Fluss und die durch ihn gebotenen Möglichkeiten der Wassernutzung spielten für die Besiedlung wohl eine entscheidende Rolle. Zwar war der Liesingbach aufgrund seiner vorwiegend geringen Wasserführung als Transportweg ungeeignet, aber die Kreuzungspunkte des Baches mit alten und bedeutenden Nord-Süd-Verkehrsverbindungen stellten günstige Siedlungsstandorte dar. Die Landschaft um den Liesingbach bot gute Voraussetzungen für die Landwirtschaft. Entlang des Bachbetts befanden sich mancherorts Gemüsegärten, die wohl auch mit Wasser aus dem Fluss bewirtschaftet wurden. Die Bewässerung der meisten Äcker und Wiesen erfolgte aber vorwiegend mit Grundwasser. Aus dem Liesingbach wurde wegen der geringen Wasserführung zur Hauptbewässerungszeit und der eingeschränkten Zugänglichkeit des eingetieften Bachbetts kaum Wasser entnommen. Die Eintiefung des Bachbettes stand auch in Zusammenhang mit der Entnahme von Schotter und Sand. Um sumpfiges Gebiet, zum Beispiel das Moorgebiet "In den Wiesen" zwischen Alterlaa und der Triester Straße nutzbar zu machen, wurden Drainagegräben angelegt, die in die Liesing entwässerten.

Der Liesingbach bot, wie oben ausgeführt, gute Voraussetzungen für die Verarbeitung des in der Region angebauten Getreides mittels Wassermühlen. Wasser wurde auch ausgeleitet, um die Wassergräben und Teiche von Schlössern und Landhäusern zu füllen, wie etwa den Wassergraben des Inzersdorfer Schlosses oder in der Parkanlage von Mon Pérou. Im Liesingbach dürfte es relativ große Bestände an Weißfischen, Barben, Grundeln und Krebsen gegeben haben. Die Gemeinden verpachteten die Fischereirechte, die Fischerei stellte aber keinen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar. Der Fischbestand ging im 19. Jahrhundert durch die zunehmende Verschmutzung des Baches stark zurück.

Industrialisierung und Bevölkerungszunahme innerhalb des Linienwalls führten zur Verlagerung von Gewerbebetrieben an die Liesing. Der Unterlauf blieb dagegen landwirtschaftlich geprägt. Im 19. Jahrhundert wurden die Mühlen zunehmend mit Dampfmaschinen ausgestattet, aus getreideverarbeitenden Betrieben wurden Industriebetriebe. In Liesing und Atzgersdorf siedelten sich mit chemischer Industrie und Gerbereien Betriebe an, die auf gute Wasserver- und –entsorgungsmöglichkeiten angewiesen waren. Umfunktionierte Mahlmühlen, Grundwasservorkommen, günstige Bodenpreise, billige Arbeitskräfte und eine gute Verkehrsanbindung stellten optimale Bedingungen für das Entstehen von Industriestandorten dar. Gleichzeitig entwickelten sich vor allem die Gemeinden am Oberlauf der Liesing zu beliebten Ausflugszielen und Sommerfrischeorten. Das Wasser für die bei den Gästen beliebten Bäder kam jedoch aus den artesischen Brunnen und nicht aus dem Liesingbach. Eine schwefel- und eisenhaltige Thermalquelle bei Rodaun wurde schon 1592 zum Baden genutzt und trug zur Popularität des Ortes als Ausflugsziel bei. Ab 1831 war die Quelle an Johann Stelzer verpachtet, der das Bad mit seinem beliebten "Wirtshaus von Österreich" ergänzte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand ein "kaltes Bad" in der Nähe der Wiesmühle in Rodaun.

Das Einzugsgebiet des Liesingbaches war während des Großteils seiner weit zurückreichenden Besiedlungsgeschichte nur spärlich verbaut. 1755 waren nur etwa 0,9 Quadratkilometer davon Siedlungsfläche. Gebäude befanden sich meist in ausreichendem Abstand zum Fluss um vor Hochwässern geschützt zu sein. Zwischen 1825 und 1875 verdreifachte sich die Siedlungsfläche im Einzugsgebiet auf 3,9 Quadratkilometer. Das Verbot von Ziegelöfen innerhalb des Linienwalls 1757 führte zu einer Zunahme von Ziegelwerken im Bereich des Wienerbergs. Neue Ortsteile wie Neuerlaa entstanden, während alte Ortsteile zusammenwuchsen. Zusätzlich zur Bodenversiegelung durch Siedlungsfläche führte auch die Pflasterung der Straßen zum schnelleren Abfließen von Regenwasser und erhöhte damit die Hochwassergefahr. Die Wasserentnahmen aus Brunnen im Einzugsgebiet führten wiederum zum Absinken des Grundwasserspiegels und dies zusammen mit Schotterentnahmen aus dem Bachbett und Rodungen im Breitenfurter Tal zu einer Verringerung der Abflussmenge. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich die Siedlungsfläche auf 6,1 Quadratkilometer ausgedehnt. Kleingartensiedlungen, Einfamilienhäuser, Reihenhäuser und große, teilweise genossenschaftliche Wohnbauten entstanden in unmittelbarer Nachbarschaft. Heute ist mit etwa 30 Quadratkilometer fast die Hälfte des Einzugsgebiets in Wien Siedlungsfläche, dazu kommen noch bebaute Flächen für Gleisanlagen, Bahnhöfe und Straßen.

Der Liesingbach in Atzgersdorf 1825-2014: Siedlungsentwicklung und Flussregulierung, dargestellt in Form eines Schwarzplans

Flussquerungen

Anders als am Wienfluss verlief entlang des Liesingbaches keine wichtige Verkehrsachse. Stattdessen kreuzten zahlreiche Verkehrswege nach Süden vom Stadtzentrum aus kommend den Liesingbach – die Kreuzungspunkte boten gute Bedingungen für die Entwicklung von Siedlungen. Wichtige Versorgungs- und Verkehrsinfrastrukturen, die den Liesingbach kreuzen, sind:

  • Dampftramway Hietzing-Perchtoldsdorf: Diese vor allem für den Ausflugsverkehr wichtige Strecke wurde als erste Dampftramway-Strecke Wiens 1883 eröffnet. Sie übersetzte den Liesingbach auf einer eisernen Brücke bei Kalksburg auf Höhe der Willergasse. Diese stürzte 1951 bei einem Hochwasser ein. Heute nutzt die Straßenbahnlinie 60 diese Strecke, quert jedoch bei der Kaiser-Franz-Josef-Straße den Liesingbach.
  • Südbahn: 1839 bis 1842 wurde die Bahnstrecke von Wien nach Gloggnitz als Wien-Gloggnitzer-Bahn fertiggestellt. Sie kreuzt noch heute beim Bahnhof Liesing den Liesingbach.
  • Triester Straße: Seit dem Mittelalter eine Fernhandelsstraße, die auch unter der Bezeichnung Venediger Straße über den Wienerberg nach Süden führte. Im 19. Jahrhundert galt sie als wichtigste Verkehrsverbindung nach Süden. Den Liesingbach kreuzt sie bei Inzersdorf.
  • Himberger Straße: umfasste vor 1903 auch die heutige Favoritenstraße und stellte eine wichtige Verbindung an die Schwechat und nach Südosten dar. Sie kreuzte den Liesingbach bei Rothneusiedl.
  • Ostbahn – Wien-Raaber-Eisenbahn: Die Strecke von Wien nach Bruck an der Leitha wurde 1838 bis 1846 gebaut. Die Querung des Liesingbaches erfolgte ebenfalls bei Kledering.

Siehe auch

Literatur

Weblinks