Hans von Flesch-Brunningen
Hans Flesch-Brunningen (eigentlich Johannes Evangelista Luitpold Flesch Edler von Brunningen; Pseudonym Vincenz/Vincent Brun), * 5. Februar 1895 Brünn, Mähren (Brno, Tschechische Republik), † 1. August 1981 Bad Ischl, Oberösterreich, Schriftsteller, Übersetzer.
Biografie
Hans Flesch-Brunningen entstammte einer jüdischen Familie. Sein Vater Isidor Vincenz Flesch war Inhaber einer Import-Export-Firma in Brünn, die sich auf Fettwaren und Zucker spezialisierte, und Mitbegründer zweier Rohzuckerfabriken in Mähren. Er wurde 1879 als „Edler von Brunningen“ in den erblichen Adelsstand erhoben. Sein Sohn Hans (Johannes) wuchs in Abbazia und Wien auf, er besuchte das Gymnasium Fichtnergasse in Hietzing, wo er bereits literarisch aktiv war und gemeinsam mit Hans Kaltneker und Paul Zsolnay eine expressionistisch ausgerichtete Literaturzeitschrift herausgab.
Flesch-Brunningen studierte in der Folge Jus und hatte zugleich ein prominentes Entree in den Literaturbetrieb: Das „Zentralorgan“ des Expressionismus, Franz Pfempferts „Die Aktion“, brachte 1914 einen Flesch-Schwerpunkt mit einem Flesch-Porträt Egon Schieles am Cover. Nach dem Abschluss des Studiums 1919 arbeitete er in einer Bank, später in einer Rechtsanwaltskanzlei. Neben dem Brotberuf blieb er literarisch tätig, 1917 war die Novellensammlung „Das zerstörte Idyll“ im renommierten Verlag Kurt Wolff erschienen, 1919 publizierte er den Science-Fiction-Roman „Baltasar Tipho“.
Nach dieser expressionistischen Frühphase seines Werks folgte eine (auch gesundheitlich bedingte) Schaffenspause, in der Flesch-Brunningen viel auf Reisen war. Eine Zeit lang lebte er auf Capri. Ab 1928 lebte er in Berlin, schrieb nun Unterschiedliches zum Broterwerb, auch Unterhaltungsliteratur. 1933 floh er aus Berlin, kam Anfang 1934 in London an, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Bereits 1935 konnte er das zweibändige Werk „Alcibiades“ (unter Pseudonym) publizieren, das er auf Deutsch schrieb und das Carl Ehrenstein, Bruder des Expressionisten Albert Ehrenstein, ins Englische brachte. Ab 1938 veröffentlichte Flesch-Brunningen auf Englisch, vorerst Zeitungsartikel, er schrieb auch Filmskripts. 1939 gelang ihm die erste Buchpublikation auf Englisch, und das gleich mit zwei Ausgaben: „The Blond Spider“ erschien im Londoner Verlag Jonathan Cape, in New York trug die Ausgabe den Titel „Masquerade“. 1940 folgte der Roman „Untimely Ulysses“, diesmal nur bei Cape verlegt.
Ab 1939 arbeitete Flesch-Brunningen als Sprecher in der österreichischen Abteilung der BBC, wo er bis 1958 tätig war. 1940 wurde er wie alle Ausländer als „enemy alien“ inhaftiert, danach hatte er große Schwierigkeiten, wieder zur BBC zurückkehren zu können. Der von Joyce beeinflusste Roman „Perlen und schwarze Tränen“ (1948) zählt nach Evelyne Polt-Heinzl „ohne Zweifel neben Friederike Manners im selben Jahr erschienenem Romanbericht ,Die dunklen Jahre‘ […] und neben Martina Wieds 1951 erschienenem Buch ,Das Krähennest‘“ zu den „drei großen und auch formal herausragenden Romane[n] der österreichischen Exilliteratur“.[1] Nach dem Ende der Tätigkeit bei der BBC hielt sich Flesch-Brunningen wieder vermehrt in Wien auf, 1963 kehrte er endgültig hierher zurück. 1972 heiratete er die Schriftstellerin Hilde Spiel. 1979 veröffentlichte er mit „Die Frumm“ einen breit angelegten Roman, der ein Sittenbild Wiens während und nach der NS-Zeit, ein Pandämonium des österreichischen Nationalcharakters lieferte.
Werke
- Hans von Flesch-Brunningen: Das zerstörte Idyll. Novellen. Leipzig: Wolff 1917
- Hans Flesch: Baltasar Tipho. Eine Geschichte vom Stern Karina. Wien: E. P. Tal 1919
- Hans Flesch: Die Amazone. Revolutionsroman. Berlin: Propyläen 1930
- Hans Flesch: Mistress of the Terror [Die Amazone]. London: Cape 1931
- Hans Flesch-Brunningen: Vertriebene – von Ovid bis Gorguloff. Wien: Elbemühl 1933
- Vincenz Brun: Alcibiades. Beloved of Gods and Men: London: Putnam 1935
- Vincenz Brun: Alcibiades. Forsaken by Gods and Men: London: Putnam 1936
- Vincenz Brun: Alkibiades. Amsterdam: de Lange 1936
- Vincent Brun: The Blond Spider. London: Cape 1939 (US-amerikanische Ausgabe: Masquerade. New York: Carrik & Evans 1939)
- Vincent Brun: Untimely Ulysses. London: Cape 1940
- Hans Flesch-Brunningen (Hg.): Die letzten Habsburger in Augenzeugenberichten. Düsseldorf: Rauch 1967
- Hans Flesch-Brunningen: Die Teile und das Ganze. Roman. Wien: Zsolnay 1969
- Hans Flesch-Brunningen: Die Frumm. Roman. Frankfurt/M.: Ullstein 1979
- Hans Flesch-Brunningen: Perlen und schwarze Tränen. Roman. Hamburg: Krüger 1948 (Neuausgaben: München: Nymphenburger 1980; Wien: Edition Atelier 2020)
- Hans Flesch-Brunningen: Die verführte Zeit. Lebenserinnerungen. Hg. v. Manfred Mixner. Wien: Brandstätter 1988
- Hans Flesch-Brunningen: Maskerade. Roman. Hg. v. Wolfgang Straub, übers. v. Alexander Pechmann. Wien: Edition Atelier 2023
- Hans Flesch-Brunningen: Zur falschen Zeit. Roman. Hg. v. Wolfgang Straub, übers. v. Alexander Pechmann. Wien: Edition Atelier 2024
Quellen
Literatur
- Evelyne Polt-Heinzl: Hans Flesch-Brunningen: Schonungsloser Chronist seiner Zeit. In: Die Furche, 29.1.2020
- Wolfgang Straub: Geschlechterordnung in Zeiten revolutionärer Unordnung. Hans Fleschs Revolutionsroman „Die Amazone“. In: Stefan Krammer, Marion Löffler, Martin Weidinger (Hg.): Staat in Unordnung? Geschlechterperspektiven auf Deutschland und Österreich zwischen den Weltkriegen. Bielefeld: transcript 2011, S. 197–212
- Evelyne Polt-Heinzl: Hans Flesch-Brunningen. In: Literatur & Kritik, H. 393/394 (Mai 2005), S. 101–109
- Hermann Kesten: Wunderlicher Mensch, wunderliche Geschichten. In: Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, H. 61 (Oktober 2003), S. 50–52
- Hilde Spiel: Welche Welt ist meine Welt? Erinnerungen 1946-1989. München: List 1990
- Hilde Spiel: Die hellen und die finsteren Zeiten. Erinnerungen 1911–1946. München: List 1989
- Sylvia M. Patsch (Hg.): Österreichische Schriftsteller im Exil. Texte. Wien: Brandstätter 1986
- Hermann Heller: Mährens Männer der Gegenwart. Biographisches Lexicon. Band 4 (Großgrundbesitzer, Land und Forstwirthe, Commerzielle und Industrielle). Brünn: Selbstverlag 1890
Hans von Flesch-Brunningen im Katalog der Wienbibliothek im Rathaus.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Polt-Heinzl 2020
