Gerold & Co
48° 12' 29.88" N, 16° 22' 15.77" E zur Karte im Wien Kulturgut
Gerold & Co. zählte zu den bedeutendsten Wiener Druckereien und Verlagen wie auch die 1775 gegründete Universitätsbuchhandlung (1., Graben 31). Sie bestand von 1775 bis 2002. Von Josef Gerold (1749-1800) begründet, erlangte sie unter dessen Sohn Carl Gerold große Bedeutung. Nach einer schwierigen Konsolidierungsphase in der Zwischenkriegszeit erlebte das Unternehmen einen neuen Aufschwung. Besonders die Universitätsbuchhandlung am Graben gehörte zum Markenzeichen. Ab den 1990er Jahren verschlechterte sich jedoch die Lage, das Unternehmen wechselte 2002 den Besitzer und die Buchhandlung am Graben wurde geschlossen.
Anfänge
Im Jahr 1775 erwarb Josef Gerold die Druckerei und Verlagsbuchhandlung des Reichs-Hofbuchdruckers Leopold Kaliwoda, der sich zur Ruhe setzte. Josef Gerold war 1749 in Wien zur Welt gekommen. Sein Vater war städtischer Steueramtskassier. Schon 1775 hatte sich Josef Gerold um die Pacht des "Wiener Diariums" bemüht, welche allerdings die Ghelenschen Erben erhielten. Es gelang ihm aber, das Privilegium des Universitätsbuchdruckers, das Kaliwoda besessen hatte, zu erlangen. 1779 erwarb er die Newensteinsche Universitätsbuchhandlung und wurde somit auch im Buchhandel aktiv. Das Verlagsprogramm Josef Gerolds hatte Schwerpunkte im Bereich wissenschaftlicher, wie auch volkstümlicher Schriften. Nach Josefs Tod (1800) führte seine Witwe (Maria) Magdalena den Betrieb weiter, bis ihr Sohn Carl Gerold (der nach dem Tod seines Bruders Johann [ † 1806] den Buchhandel erlernte) das Geschäft übernehmen konnte.
Carl Gerold
Carl Gerold (1783-1854) hatte ursprünglich eine kaufmännische Ausbildung im Manufakturwarengeschäft in Brünn begonnen. Noch in der Lehrzeit wechselte er nach dem Tod des Bruders in den Buchhandel und die Buchdruckerei. Carl Gerold verlegte die Firma 1810 von der Postgasse 6 auf den Stephansplatz 10 (Ecke Goldschmiedgasse 2) und führte sie rasch zu großer Blüte. Er war ein Pionier im Kampf gegen den unbefugten Nachdruck und gegen die Zensur. Mit der Herausgabe einer Schiller-Ausgabe auf Basis eines Vertrags mit Cotta, wie auch die Produktion von mit Lithographien ausgestatteten Werken erwarb er sich einen hervorragenden Namen. Er verlegte die bedeutendsten Künstler und Gelehrten des Kaiserreichs. Nach dem Tod Carl Gerolds führte zunächst seine Witwe das Geschäft weiter, übertrug die Befugnisse jedoch 1855 an ihren jüngeren Sohn Moritz Gerold, worauf der Firmenname auf „Carl Gerold's Sohn" geändert wurde.
Universitätsbuchhandlung Gerold
1843 traten die Söhne Friedrich und Moritz als Gesellschafter ein, 1849 übernahmen sie die Leitung („Gerold & Sohn"); 1847 verfügte sie mit sieben Gehilfen über den höchsten Personalstand unter den Wiener Buchhandlungen. Moritz hatte bei Brockhaus in Leipzig, Frankfurt, Paris und London gelernt. Ende 1848 hatte er mit Ignaz Kuranda die "Ostdeutsche Post" gegründet. Er wurde Alleininhaber der Druckerei. Moritz baute vor allem das Sortimentsgeschäft aus, vergrößerte aber auch den Verlag (in dem fast alle berühmten österreichischen Autoren mindestens mit einem Teil ihrer Werke erschienen) und die Buchdruckerei. 1856 wurde die Firma zum „Buchhändler der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften" ernannt. Das Stammhaus der Firma wurde 1852 auf dem Dominikanerplatz (heute: Postgasse 6) nach Plänen von Van der Nüll und Siccardsburg errichtet, eine mit Dampfkraft betriebene Druckerei eingerichtet. Die Buchhandlung übersiedelte 1877 in das Haus 1, Stephansplatz 8.
Zeitungs- und Schulbuchverlag
Die Pressefreiheit erlaubte es Gerold & Sohn in das Wiener Zeitungswesen einzusteigen. Das Unternehmen übernahm Druck und Verlag von "Der Presse" und "Die Ostdeutsche Post". In der Ära von Friedrich und Moritz Gerold erschienen eine Anzahl österreichischer Zeitschriften im Verlag Gerold (darunter „Österreich Revue", „Zeitschrift für Deutsche Altertumskunde" und „Zeitschrift für österreichische Gymnasien"). Nachdem das Privilegium des Schulbücherverlags 1850 abgelaufen war, widmete sich das Unternehmen auch diesem Geschäftszeig.
1867 traten die Brüder Gerold das Sortimentsgeschäft ihren Mitarbeitern Theodor Demuth (Ausscheiden 1897; † 1901) und Hugo Pauli dem Älteren ( † 1891) ab und widmeten sich dem Verlag und der Druckerei; ab 1. Jänner 1867 lautete der Firmenname „Gerold & Co.". Bis 1913 blieb Hugo Pauli der Jüngere alleiniger Geschäftsführer; in diesem Jahr traten Carl Regelsperger ( † 1925) und der bisherige Prokurist Gustav Pöschmann (Ausscheiden aus Altersgründen 1928) als Gesellschafter ein. Moriz Gerolds Neffe Friedrich Gerold, gestorben 1912, war der letzte Firmeninhaber der Familie Gerold.
Zwischenkriegszeit und NS-Zeit
Nach Ende des Ersten Weltkrieges Weltkrieges war die Firma mit zwei großen Problemen konfrontiert. Zum einen bestanden große Schulden in Schweizer Franken, Holländischen Gulden und ähnliche Währungen, da es Gerold zwar während des Krieges erlaubt war zu importieren, nicht jedoch zu bezahlen. Die Rückzahlung der Schulden während der Zeit der Hyperinflation erwies sich als unmöglich. Durch Vereinbarungen mit den ausländischen Gläubigern gelang es jedoch, die Schulden mittels Abschlagszahlungen bis nach Ende des Zweiten Weltkrieges zu begleichen. Zum anderen gingen die großen Bibliothekskunden in den Nachfolgestaaten verloren. Durch großen Einsatz von Gustav Pöschmann, Carl Regelsperger und Franz Dvorak † 1969 gelang es die Schwierigkeiten zu meistern. Dvorak trat 1925 in die Firma ein; er war langjähriger Vorstand des Landesgremiums Wien und Vorsitzender des Österreichischen Buchhändlerverbands. 1928 trat Dr. Heinrich Neider [† 23. März 1990] als Gesellschafter ein). Mit 1. Juni 1937 zog das Unternehmen vom Stephansplatz in die nahe Rotenturmstraße 7. 1945, während des Kampfes um Wien, wurde das Geschäftslokal samt Geschäftsbüchern und Firmenarchiv vernichtet.
1945-2002
Die Zerstörung des Geschäfslokals führte zu einer Arbeitsgemeinschaft mit der Firma Frick bis 1948, dann übersiedelte die Firma in ein kleines Lokal in der Habsburgergasse 3. 1951 bezog Gerold schließlich den bis 2002 benutzten Standort (1, Graben 31). Ab 1948 war Hans Neusser Mitgesellschafter. Es gelang rasch das Geschäftsvolumen weit über dem Vorkriegsstand zu erhöhen und die Zahl der Beschäftigten auf das dreifache zu vergrößern. Die Firma gründete 1981 eine Filiale in New York und verlegte 1988 die Administration ins Haus 1, Weihburggasse 26. Ab 1990 bestand die Firmenleitung aus Kommerzialrat Hans Neusser als geschäftsführendem Gesellschafter und der Kommanditistin Henriette Schweighofer (Tochter Franz Dvoraks).
2002 wurde die Filiale am Graben 31 geschlossen und das angeschlagene Unternehmen wechselte den Besitzer[1].
Quellen
- Wiener Stadt- und Landesarchiv, Handelsgericht, B75/5: Handelsregister Ges 5/524, Gerold & Comp.
- Wiener Stadt- und Landesarchiv, Handelsgericht, B74/30: Handelsregister E 30/273, Gerold & Co
- Wiener Stadt- und Landesarchiv, Handelsgericht, B76/28: Handelsregister A 28/26, Gerold & Co.; Gerold & Co
- Wienbibliothek im Rathaus: Sammlung Gerold und Co.
- Wienbibliothek im Rathaus: Teilarchiv Gerold und Co.
- Wienbibliothek Digital: Gerold und Co.
Literatur
- Gerold & Co.: Firmenchronik 1867-1982. Wien: Gerold & Co 1982
- R. Granichstaedten-Cerva/J. Mentschl/G. Otruba: Altösterreichische Unternehmer. 110 Lebensbilder, Wien: Bergland Verlag 1969, S. 41 f.
- Carl Junker: Das Haus Gerold in Wien 1775-1925. Wien: Carl Gerold's Sohn 1925
- Kurze Nachrichten - Die Buchhandlung Gerold & Co. In: Anzeiger für den Buch-, Kunst- und Musikalienhandel 14 (19.06.1937), S. 90 [Stand 06.02.2016]
- Michael Koscher "[… noch hübscher ausgestattet wie der vorige. Über Kalender & Kalenderverlage
im Wien des 19. Jahrhunderts. Diplomarbeit. Universität Wien. Wien 2008, S. 184-193]
