Egon Wellesz
Egon Wellesz, * 21. Oktober 1885 Wien, † 8. November 1974 Oxford (Großbritannien), Musikwissenschaftler, Komponist.
Biografie
Egon Joseph Wellesz war der Sohn ungarischer Juden, die in Wien lebten. Sein Vater war der Handelsgesellschafter für Schuhwaren-Material Samuel Wellesz (* 1850, † 08.06.1926), die Mutter Helene Wellesz, Ilona genannt, war eine geborene Löwensohn (Lövenyi). Die Familie lebte zunächst in der Schottenbastei 2 und übersiedelte 1891 an den Schottenring 25.
Egon besuchte das Franz-Josephs-Gymnasium in der Hegelgasse, das er 1904 mit Matura abschloss. Er begann zunächst ein Jusstudium, das er aber rasch abbrach. Bis 1917 war er Gesellschafter in der Firma seines Vaters, dann trat er aus.
Ab 1892 erhielt Wellesz Klavierunterricht und Musiktheorie bei Carl Frühling. Konzert- und Opernbesuche unter dem Dirigat von Gustav Mahler prägten ihn sehr. Ab 1905 studierte Wellesz an der Universität Wien Musikwissenschaft bei Guido Adler und hatte Kompositionsunterricht in der Privatklasse von Arnold Schönberg. 1906 beschäftigte er sich in Cambridge mit englischer Literatur. 1908 promovierte Wellesz an der Universität Wien, 1913 habilitierte er sich und wurde 1929 bis 1938 Privatdozent (=ao. Prof.) an der Universität Wien. Die ordentliche Professur erhielt er nicht. Seine Lehrtätigkeit umfasste auch wissenschaftliche Fortbildungskurse an der Schwarzwaldschule (1915–1919) sowie Vorlesungen am Neuen Wiener Konservatorium. Ab 1926 lehrte er auch in Köln und in Mannheim. Außerdem war er als Musikkritiker bei der Zeitschrift "Der neue Tag" tätig. Die kulturelle Hochblüte im Wien der Jahrhundertwende mit Rilke, Kokoschka, Schönberg, Mahler und vielen anderen beeinflusste auch Wellesz. Zudem war er auch international gut vernetzt.
Wellesz heiratete am 23. August 1908 in Weiswasser, Böhmen, die promovierte Kunsthistorikerin Emmy Stross (08.01.1889–13.06.1987). Sie war die Tochter des Textilunternehmers Ludwig Stross und seiner Ehefrau Wilma, geborene Propper. Zur Hochzeit erhielt das Brautpaar von den Brauteltern einen Bösendorfer Flügel. Kurz nach der Eheschließung trat Egon Wellesz aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus.
Das Paar hatte zwei Töchter, Magdalena (* 20.06.1909, † 2006), verheiratete Pollaczek (Kary Pole) und Elisabeth (* 26.08.1912, † 16.12.1995), verheiratete Kessler. Alle Familienmitglieder ließen sich in den Jahren bis 1917 evangelisch taufen. 1933 trat das Ehepaar Wellesz wieder aus der evangelischen Kirche aus, Egon Wellesz wandte sich dem Katholizismus zu und konvertierte noch im selben Jahr. Die Familie lebte von 1912 bis 1938 in der "Künstlerkolonie am Kaasgraben" in einer von Josef Hoffmann errichteten Villa.
Als Musikwissenschaftler beschäftigte er sich zunächst mit musikhistorischen Studien ("Der Beginn des musikalischen Barock und die Anfänge der Oper in Wien", 1922), spezialisierte sich aber dann auf byzantinische Musik, deren spätmittelalterliche Notenschrift er entschlüsselte und übertrug ("Byzantinische Kirchenmusik", 1927). Dieses Interesse für byzantinische Musik, das von seiner Frau, ebenfalls eine Spezialistin auf dem Gebiet der Byzantinistik, geteilt wurde, führte zur Gründung der "Monumenta Musicae Byzantinae". Wellesz galt als führender Musikwissenschafter auf diesem Gebiet. Nicht wenige kritisierten nach dem Zweiten Weltkrieg, dass die Wiener Universität keine Ambitionen zeigte, Wellesz an das Institut zurückzuholen.
Als Komponist löste sich Wellesz frühzeitig von Schönbergs Einfluss, obwohl er dessen erste Biografie (1921) verfasste, und widmete sich der Oper nach griechischen Stoffen ("Alkestis" [Euripides], 1926, Uraufführung in Deutschland; "Die Bacchantinnen" [Euripides], 1930, Uraufführung in Wien [Wellesz' größter Erfolg]). Musikalisch lehnte er sich eher an Anton Bruckner, Gustav Mahler oder Richard Strauss an.
Egon Wellesz wurde am 10. Mai 1932 das Ehrendoktorat der Universität Oxford für seine Verdienste um die byzantinische Musik verliehen, eine Auszeichnung die zuletzt Joseph Haydn als Österreicher erhalten hatte. Er zählte neben anderen wie beispielsweise Hans Gál zu den Stars der deutschsprachigen Musikszene. Seine Werke wurden an vielen bedeutenden Konzertsälen und Opernhäusern im deutschsprachigen Raum gespielt.
Wellesz war die zeitgenössische Musik ein Anliegen. 1922 organisierte er in Salzburg gemeinsam mit Rudolf Réti internationale Kammermusik-Aufführungen, denen die Gründung der "Internationalen Gesellschaft für Neue Musik" (IGNM) folgte. Wellesz war von 1927 bis 1938 im Vorstand tätig. Bei dieser Arbeit kamen ihm auch seine internationalen Kontakt zugute.
Am Tag des sogenannten "Anschlusses" 1938 dirigierte Bruno Walter Werke von Wellesz in den Niederlanden. Wellesz besuchte diese Konzerte und nützte die Gelegenheit zur Emigration mit den beiden Töchtern nach Großbritannien. Seine Frau blieb zunächst in Österreich, verkaufte das Haus und folgte bald nach. Wellesz wurde nach Kriegsbeginn als "enemy alien" interniert, aber bald nach Oxford ans Lincoln College berufen.
Mit 1. September 1939 standen die Werke Wellesz' bei den Nationalsozialisten auf der Liste unerwünschter musikalischer Werke. Ihm und seiner Frau wurden der Dr. Titel aberkannt. Die Emigration setzte eine Zäsur von fünf Jahren, in denen er nicht komponierte. Später konnte er nicht mehr an die Erfolge davor anschließen.
1947 versuchte Wellesz seine "arisierte" Villa am Kaasgraben zurückzubekommen. Der Zwangsverkauf wurde aber nicht anerkannt.
In Großbritannien lehrte er von 1938 bis 1955 als Professor in Oxford, danach in Edinburgh. Er komponierte unter anderem neun Symphonien, Chor-, und Kammermusik sowie Messen. Aus England kam er nur zu Besuchen nach Wien zurück.
Egon Wellesz verstarb in den Abendstunden des 8. November 1974 und erhielt ein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof. Seine Frau Emmy kehrte 1975 nach Wien zurück und lebte hier bis zu ihrem Tod 1987.
Ein Teil seines Nachlasses befindet sich in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Egon Wellesz Foundation wurde von seiner Tochter Elisabeth in der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zur Pflege der Musik von Wellesz ins Leben gerufen.
Quellen
- Österreichische Nationalbibliothek: Nachlaß Egon Wellesz
- Familysearch: Israelitische Kultusgemeinde Wien, Geburtenbuch, E 1873/11, S. 112 (Registrierung notwendig, Zugang kostenlos) [Stand: 28.07.2025]
- Familysearch: Israelitische Kultusgemeinde Wien, Österreich, Trauungsbuch/218, E 1873/70, S. 160 (Registrierung notwendig, Zugang kostenlos)] [Stand: 28.07.2025]
- Meldezettel (WStLA, BPD Wien: Historische Meldeunterlagen, K11)
- Matricula online: Taufbuch der Pfarre Wien-Innere Stadt (Lutherische Stadtkirche, Original), Signatur: TFB66, fol. 227
- Matricula online: Taufbuch der Pfarre Wien-Innere Stadt (Lutherische Stadtkirche, Original), Signatur: TFB73, fol. 34
- ANNO: Firmaprotokollierungen. In: Wiener Zeitung, 15.07.1917, S. 17
- ANNO: Die Oxford-Kantate von Egon Wellesz. In: Der Tag, 18.10.1935, S. 7
- ANNO: Der Fall Egon Wellesz. In: Neues Österreich, 01.07.1948, S. 3
- ANNO: Wiederbegegnung mit Egon Wellesz. In: Wiener Kurier. 29.06.1948, S.4
- Jüdisches Museum Wien: "Musik des Aufbruchs", In: Wienholding, 02.04.2004 [Stand: 13.08.2025]
Literatur
- Stefan Schmidl / Meike Wilfing-Albrecht: Artikel "Wellesz, Egon Joseph". In: Oesterreichisches Musiklexikon online (letzte inhaltliche Änderung: 13.11.2024 [Stand: 29.07.2025]
- Österreichische Nationalbibliothek: Hannes Heher: Egon Wellesz zum 50. Todestag, 08.11.2024 [Stand 30.07.2025]
- Fred Prieberg: "Welesz, Egon". In: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, 2009, S. 2305 [Stand 28.07.2025]
- Richard Bamberger [Hg.]: Österreich-Lexikon in zwei Bänden. Wien: Verlags-Gemeinschaft Österreich-Lexikon 1995
- Gunther Martin: Damals in Döbling... Gestalten und Schauplätze einer Wiener Stadtlandschaft. Wien: Ed. Wien 1993, S. 48
- Isabella Ackerl / Friedrich Weissensteiner: Österreichisches Personenlexikon [der Ersten und Zweiten Republik]. Wien: Ueberreuter 1992
- Sylvia Mattl-Wurm [Red.]: Interieurs. Wiener Künstlerwohnungen 1830-1930. Wien: Eigenverlag 1990 (Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, 138), S. 177 f.
- Otto Kolleritsch [Hg.]: Egon Wellesz. Wien [u.a.]: Universal Ed. 1986 (Studien zur Wertungsforschung, 17)
- Harry Zohn: "...ich bin ein Sohn der deutschen Sprache nur...". Jüdisches Erbe in der österreichischen Literatur. Wien [u.a.]: Amalthea-Verlag 1986
- Österreichische Musikzeitschrift (ÖMZ) 10 (1985), S. 535
- Die Vertreibung des Geistigen aus Österreich. Zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus. [Zusammenstellung der Ausstellung: Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Katalog: Gabriele Koller ... Für den Inhalt verantwortlich: Oswald Oberhuber]. Wien: Zentralsparkasse 1982, S. 351
- Franz Endler [Hg.]: Egon Wellesz. Leben und Werk. Wien [u.a.]: Zsolnay 1981
- Lebendige Stadt. Almanach. Wien: Amt für Kultur, Volksbildung und Schulverwaltung der Stadt Wien 1954-1963. Band 10, 1963
- Robert Teichl: Österreicher der Gegenwart. Lexikon schöpferischer und schaffender Zeitgenossen. Wien: Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei 1951
- Das Jahrbuch der Wiener Gesellschaft. Biographische Beiträge zur Wiener Zeitgeschichte. Hg. von Franz Planer. Wien: F. Planer 1929
- Neue österreichische Biographie. 1815–1918. Wien [u.a.]: Amalthea-Verlag 1923-1935. Band 20
- Herbert Posch: Egon Wellesz. In. Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938 [Stand: 13.08.2025]
- Herbert Posch: Emilie (Emmy) Wellesz (geb. Stross). In. Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938 [Stand: 13.08.2025]
- Abaigh McKee: Egon Wellesz. In: Music and the Holocaust [Stand 28.07.2025]
- Marion Brück: "Wellesz, Egon". In: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 740–742 (online Version) [Stand 28.07.2025]
- Gesellschaft der Musikfreunde: Egon-Wellesz-Fond [Stand: 13.08.2025]
Egon Wellesz im Katalog der Wienbibliothek im Rathaus.

