Café Herrenhof

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Café Herrenhof (1914)
Daten zur Organisation
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48° 12' 35.16" N, 16° 21' 57.19" E  zur Karte im Wien Kulturgut

Café Herrenhof (1, Herrengasse 10).

Das Kaffeehaus wurde 1914 gegründet und etablierte sich rasch als Literaten- und Intellektuellentreff. Hierher übersiedelte die junge Literatur nach dem Ersten Weltkrieg aus dem benachbarten Café Central. Max Brod, Heimito von Doderer, Elias Canetti, Alexander Lernet-Holenia, Anton Kuh, Hermann Broch, Robert Musil, Alfred Polgar, Joseph Roth, Vicki Baum, Hilde Spiel, Leo Perutz, Franz Werfel und Franz Kafka zählten zu den Gästen im Kaffeehaus in der Herrengasse. Karl Kraus verewigte das Kaffeehaus in einer Satire. Den Wechsel vom Café Central beschrieb der Journalist Anton Kuh (1890-1941): „Patron war nicht mehr Weininger, sondern Dr. Freud; Altenberg wich Kierkegaard; statt der Zeitung nistete die Zeitschrift, statt der Psychologie die Psychoanalyse und statt dem Espritlüftchen von Wien wehte der Sturm von Prag. […] Ernst Polak aus Prag, Geburtshelfer Werfels, Kornfelds, Franz Kafkas, zerteilte mit messerscharfer Nase und Rede den Dunst; […]“[1].

Der dem Prager Literaturkreis um Franz Kafka zugehörige Literaturkritiker und Literaturagent Ernst Polak (1886-1947) war ein weiterer bekannter Besucher, der zum Ende des Weltkriegs Milena Jesenská (1896-1944) heiratete und dann mit ihr nach Wien zog. Dort hielt er sich oft größtenteils im Café auf, wo er Schriftsteller wie Werfel oder Musil beriet. 1928 begann er ein Studium der Philosophie und fungierte so als Bindeglied zwischen dem Wiener Kreis und den Literaten im Café.

Das Interieur des weitläufigen Etablissements (mit Sitzkassierin) präsentierte sich im Jugendstil. Neben dem großen Saal mit seinen geräumigen Logen, in denen so manche Größe, wie Max Adler, "residierte", gab es zur Wallnerstraße hin eine Bridgestube, die von Industriellen und Bankdirektoren frequentiert wurde.

Die Namen der prominenten Besucher der Zwischenkriegszeit sind praktisch ident mit der geistigen Elite jener Jahre. Weitere Beispiele sind Alfred Adler, Jakob Moreno Levy, Otto Groß, Egon Friedell, Paul Lazarsfeld, Hans Zeisel und Mitglieder des Wiener Kreises wie beispielsweise Otto Neurath. Im anschließenden Schwarzwaldsaal gab aus verschiedene Ausstellungen, z.B. Konstruktive Kunst der ungarischen Gruppe.

Am 19. März 1938 wurde das Café Herrenhof "arisiert", die Stammgäste flohen größtenteils ins Exil. Am 16. März 1938 übernahmen die Kellner das Lokal unter Verwaltung der Gastgewerbesektion. Kommissarischer Verwalter wurde der SA-Mann Friedrich Kornherr, der auch bei der "Arisierung" des Café Mozart als Schläger eine üble Rolle gespielt hatte. Durch den massiven Ausfall der Stammgäste musste das Kaffeehaus schon im Juli 1938 schließen, wurde kurzfristig wiedereröffnet und bei Kriegsbeginn endgültig geschlossen. Spätestens Anfang 1946 hatte das Café wieder geöffnet, wie Hilde Spiel als Augenzeugin berichtet. Von dem 1948 durchgeführten Rückstellungsverfahren sind keine Details bekannt. Von den Vorbesitzern konnte Bela Waldmann über Zypern fliehen, während Markus Klug dem Holocaust zum Opfer fiel.[2]

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte nicht mehr an die alte Tradition angeknüpft werden. Das Café wurde 1961 geschlossen.

Literatur

  • Hans Weigel / Christian Brandstätter / Werner J. Schweiger: Das Wiener Kaffeehaus. Wien: Brandstätter Verlag 1978, S. 8, 74 ff., 79 ff.
  • Aus der "Herrenhof-Saga". In: Milan Dubrovic: Veruntreute Geschichte. Die Wiener Salons und Literatencafés. Wien [u.a.]: Zsolnay 1985, S. 29 ff. (Stammgastliste: S. 165 ff.)
  • Berthold Unfried: "Arisierung" und Restitution Wiener Cafés. In: Ulrike Felber [u.a.]: Ökonomie der Arisierung. Teil 2: Wirtschaftssektoren, Branchen, Falldarstellungen. Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich Bd. 10/2. Wien / München: Oldenbourg 2004, S. 869-889
  • Hans Veigl: Wiener Kaffeehausführer. Wien 1989, S. 52 ff.
  • Das Wiener Kaffeehaus. Von den Anfängen bis zur Zwischenkriegszeit (Katalog zur 66. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien). Wien: Eigenverlag der Museen der Stadt Wien 1980, S. 117
  • Christoph Limbeck-Lilienau / Friedrich Stadler: Der Wiener Kreis. Texte und Bilder zum Ursprung des Logischen Empirismus. Wien: LIT Verlag 2015
  • Friedrich Stadler: Der Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext. Überarbeitete Auflage. Cham: Springer 2015 (Veröffentlichungen des Instituts Wiener Kreis, 20) [1. Aufl. 1997]
  • Volker Thurm (unter Mitarbeit von Elisabeth Nemeth): Wien und der Wiener Kreis. Orte einer unvollendeten Moderne. Ein Begleitbuch. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG 2003

Einzelnachweise

  1. Anton Kuh: "Central" und "Herrenhof". In: Der unsterbliche Österreicher. München: Knorr & Hirth 1931, S. 18-23
  2. Berthold Unfried: "Arisierung" und Restitution Wiener Cafés. In: Ulrike Felber [u.a.]: Ökonomie der Arisierung. Teil 2: Wirtschaftssektoren, Branchen, Falldarstellungen. Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich Bd. 10/2. Wien-München Oldenbourg 2004, S. 873-875.