Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle
Die Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle wurde am 27. Oktober 1931 am Psychologischen Institut errichtet. Als eine der wichtigsten Figuren in der Gründung kann Paul Felix Lazarsfeld gesehen werden. Das Psychologische Institut, von Charlotte und Karl Bühler geleitet, gewährleistete einen intensiven Austausch mit dem Wiener Kreis und stellte sein psychologisches Pendant dar.
Vor allem die jüngere Generation wie Egon Brunswik oder Else Frenkel waren an diesen Diskussionen beteiligt. Durch sie kam auch der Kontakt mit der Psychoanalyse, die das Ehepaar Bühler allerdings nicht schätzte. Die Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle bildete ein avantgardistisches Forum für moderne Kognitionspsychologie und empirische Sozialforschung. Zwischen 1922 und 1934 konnte durch das Psychologische Institut und auch die Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Schule und Universität gewährleistet werden. Karl Bühler band in seiner Funktion als Präsident die Forschungsstelle eng an die Universität an.
Paul Lazarsfeld, Marie Jahoda und Hans Zeisel leisteten hier Pionierarbeit auf dem Gebiet der empirischen Sozialforschung. Dazu gehörten ihre berühmte Studie Die Arbeitslosen von Marienthal (1933) und zahlreiche Studien zum Film. Jahoda arbeitete gleichzeitig auch an Otto Neuraths Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum.
Die Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle wurde im Rahmen einer 1931 durchgeführten Erhebung erstmals ausgewiesen, in der die Teilnehmer*innen in Kooperation mit der RAVAG nach Programmwünschen fürs Radio befragt wurden. Kurz darauf begann die Arbeit an der Marienthal-Studie. Die Forschungsstelle hatte die empirische Großerhebungen zur Aufgabe. Eine erstmalige Nennung erfolgte Anfang 1931 durch Lotte Radermacher bei der Vereinsbehörde mit der Gründungsabsicht eines "Sozialpsychologischen Vereins". Kurz nach Bestätigung des Antrags erfolgte dann die Umbenennung nach einem Beschluss der ersten Generalversammlung des Vereins am 27. Oktober 1931. Vorbild für die Forschungsinstitution war das Österreichische Institut für Konjunkturforschung, das 1926 von Ludwig Mises gegründet wurde. Bei der zweiten Generalversammlung am 21. Juni 1932 wurde als Ziel die reine Marktforschung festgelegt. Aus den empirischen Erhebungen wurden Gutachten mit Handlungsanweisungen für die Auftraggeber erstellt.
Nach seiner Emigration brachte Paul Lazarsfeld die institutionalisierte Sozialforschung in die USA und gründete dort mehrere sozialwissenschaftliche Forschungs- und Ausbildungsstellen, die heute als wegweisend in der empirischen Sozialforschung gelten. Gleichzeitig kann die Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle als erster Ansatz der modernen empirischen Sozialforschung gesehen werden.
Literatur
- Janette Friedrich (Hrsg.): Karl Bühler und das Wiener Psychologische Institut. Dokumente und Fundstücke. Bühleriana Bd. 1. Lausanne: sdvig press 2022
- Gerhard Benetka / Janette Friedrich (Hrsg.): Karl Bühler und das Wiener Psychologische Institut oder die Bedeutung des Lokalen. Bühleriana Bd. 2. Lausanne: sdvig press 2022
- Christoph Limbeck-Lilienau / Friedrich Stadler: Der Wiener Kreis. Texte und Bilder zum Ursprung des Logischen Empirismus. Wien: LIT Verlag 2015
- Friedrich Stadler: Der Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext. Überarbeitete Auflage. Cham: Springer 2015 (Veröffentlichungen des Instituts Wiener Kreis, 20) [1. Aufl. 1997]
- Gerhard Benetka: Psychologie in Wien. Sozial- und Theoriegeschichte des Wiener Psychologischen Instituts 1922-1938. Wien: WUV-Universitätsverlag 1995
Weblinks
- Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich: Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle / Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeiter der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle
- Das Rote Wien – Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie: Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle
